Full text : Vaterlandsliebe

Das Gespräch in den Schulpausen drehte sich selbstverständlich nur um
den Krieg, besonders um die Treffsicherheit unserer Truppen, die wir auf
unsern Touren während des Vorpostengeplänkels schon zu beobachten
reichlich Gelegenheit hatten. Die Feuerwaffe unserer Soldaten erwies sich
dem weittragenden Chassepotgewehr mindestens ebenbürtig, weil sie mit
sicherem Auge, fester hand und kühlem Blute gehandhabt wurde, während
die Franzosen ihr Gewehr an die Brust hielten und schon auf weite Ent—
fernung losknallten, daher meist ins Blaue schossen. Deshalb war es bei
uns Gymnasiasten natürlich ausgemachte Sache, daß wir Deutschen über
die Franzosen siegen mußten; wir waren vollständig darin einig, daß
Elsaß⸗Cothringen wieder deutsch, und unser König deutscher Kaiser werden
sollte. Es war ein erhebender Gedanke für uns, zu wissen, daß Bayern,
Württemberg und Baden, überhaupt ganz Süddeutschland treu zu Preußen
gegen den Erbfeind stand. Diese langersehnte Einigkeit war gerade für
uns Saarbrücker ein großartiger Moment, denn wie kein anderer Teil
Deutschlands hatten die Bewohner des Saarbrücker Landes unter der
langjährigen Zerrissenheit des großen Vaterlandes zu leiden gehabt.

Indessen setzten wir Gymnasiasten unsere Streifzüge bei den Vorposten
und Feldwachen fort. Da um 8 Uhr morgens der Unterricht begann,
machten wir uns schon bei Tagesgrauen, wenn am horizont der erste
blaßrote Streifen des Morgenlichtes sichtbar wurde, auf die Beine. Viel
Vergnügen gewährte uns das schlaue Manöverieren der Ulanen. Um
den Feind glauben zu machen, es seien neue Regimenter eingerückt, durch⸗
streiften sie in wechselnder Verkleidung die Gegend. Bald erschienen sie
mit roten Aufschlägen und mit weißen und gelben Kragen, die aus Papier
sehr säuberlich hergestellt waren, bald ließen sie die CLanzen zu Hause,
setzten statt der Tschapkas Infanteriehelme auf, zogen die Waffenröcke
der Vierziger an und patrouilliertenmit aufgenommenem Säbel als Dragoner
umher. Noch andere erschienen in ihren weißen Stalljacken mit den blanken
helmen der St. Johanner Feuerwehr als Rürassiere. Auch die Saarbrücker
lachten herzlich über diese Verwandlung. FSür uns Gymnasiasten war
diese Maskerade der Ulanen, denen wir uns anschlossen, ein wahres
Götterfest, besonders freuten wir uns, daß die Franzosen an der Nase
herumgeführt wurden und allen Ernstes glaubten, daß Saarbrücken voll
von Soldaten der verschiedensten Regimenter sei. Ein Bild von Professor
Röchling mit dem Titel: „Derkleidete Ulanen und Saarbrücker Gymnasiasten
am heidenhübel“ hat diese kostbare Szene verewigt.

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