Full text : Vaterlandsliebe

französischer wie auf deutscher Seite wurde eine geradezu übertriebene
5pionenjagd getrieben. „Wer dem Feinde über die Stärke und Stellung
unserer Truppen Nachricht gibt, wird als Spion verfolgt.“ Diese Bekannt⸗
machung, die für die schwache Besatzung von Saarbrücken allerdings eine
Cebensfrage war, sah man gleich in den ersten Tagen an allen Straßen⸗
ecken angeschlagen. Daß die Franzosen mit uns Saarbrücker „Buben“, wie
der gewöhnliche Mann uns Gymnasiasten nannte, kurzen Prozeß gemacht
hätten, ist begreiflich.

Den Gymnasiasten war es untersagt, nach der Schule auf die ,Bellevue“
hinaufzugehen, einem Wirtshaus, das oben auf der höhe der Metzerstraße
liegt. An die Wirtschaft zur Bellevue schließt sich der alte Exerzierplatz an,
ein sandiges Hochplateau, in jener Seit noch teilweise von Pappelbäumen
eingefriedigt. Von hier aus hat man einen freien Ausblick nach Süden
auf die langgestreckten höhenzüge der Spicherer Berge. 53wischen diesen
und dem Exerzierplatz breitet sich ein etwa 1200- 1500 Meter breites
wellenförmiges, offenes Talgelände aus. Es ist das Schlachtfeld des
6. August. Von der Nordseite des Exerzierplatzes überblickt man St. Johann,
im hintergrunde den etwas ansteigenden Bahnhof von St. Johann-Saar⸗
brücken. Auf dieser Nordseite steht noch heute der sogenannte „Culustein“,
aber nicht mehr in seiner ursprünglichen Gestalt, denn er wurde inzwischen
mehrmals erneuert, da die blonden Söhne Albions solange Stücke davon
abklopften, bis nichts mehr übrig war. KUuf der Stelle, wo der Lulustein
steht, soll Lulu, der Sohn Napoleons III., am 2. Hugust die erste Kanonen-⸗
kugel auf die offene Stadt St. Johann abgefeuert, und die ältesten Soldaten
ob dieser jugendlichen Hheldentat Freudentränen vergossen haben. Die ganze
Geschichte, wenigstens der letztere Teil, war in den französischen Zeitungen
einfach erlogen, um bei ihren Lesern Stimmung zu machen. Es wird sogar
behauptet, Napoleon, Vater und Sohn, seien am 2. August gar nicht auf
dem Exerzierplatz gewesen, sondern hätten während der Beschießung des
Bahnhofes vom Exerzierplatz aus gemütlich auf der Goldenen Bremm beim
Cothringer Rotwein und saftigen Kahmkäse gesessen. So wenigstens be—
hauptete der frühere Polizei-Inspektor Wirtz von St. Johann in einem
in den 8Oer Jahren im historischen Verein gehaltenen Vortrag, und zwar
mit ausführlicher Begründung dieser Behauptung. Von anderer Seite, und
namentlich auch von herrn Professor Kuppersberg wird die Anwesenheit
Napoleons mit seinem Sohne auf dem Exerzierplatze als feststehend be—
zeichnet. Derselben Ansicht ist der frühere Direktor der Pabstschen Fabrik,
herr Willing, der dem Verfasser erzählte, daß ihm die Anwesenheit Napoleons
und seines Sohnes auf dem Exerzierplatz ebenfalls bestätigt worden sei von
einem Herrn Barabino, Capitaine de la garde mobile, der im Jahre 1870
            
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