Full text : Vaterlandsliebe

Unsere Schule, schreibt herr Kichter, glich einem aufgeregten Bienen⸗
haus; in den Pausen ging es ganz tumultuarisch zu, und trotz Androhung
von Arrest konnten besonders die Mittelklassen, deren Stimmung eine sehr
kriegerische war, nicht zur Ruhe kommen. Ich erinnere mich eines Falles,
daß beim Kriegspielen — selbstverständlich „spielten“ wir Vorpostendienst —
zwischen der Quarta und Tertia eine förmliche Schlacht geliefert wurde.
Der Skandal, den die kriegführenden Parteien auf dem oberen Gang des
Hebäudes vollführten, war so groß, daß Oberlehrer Schmitz“), der die Auf—
sicht in der Pause hatte, mit allen Seichen des Schreckens und kreidebleich
hinaufstürzte, mitten unter die Kämpfenden, die gegenseitig mit Haselnuß⸗
stöcken auf einander losschlugen. Diese Stöcke dienten gewöhnlich in
friedlichen Zeiten in der Geographiestunde zum Aufsuchen der geographischen
Bezeichnungen auf der Landkarte und wurden im Klassenschrank aufbewahrt.
Als herr Schmitz, den die Kämpfer in ihrem Kriegseifer nicht bemerkt
hatten, so urplötzlich auf der Bildfläche erschien, stoben alle in wilder Flucht
auseinander. Im Nu waren die Stöcke verschwunden, und alle saßen wie
unschuldige Lämmer auf ihren Plätzen. „Was ist das für ein Skandal?
Wo sind die Stöcke?“ donnerte der herr Oberlehrer. „Das ist ja unerhört,
ihr Schlingel! Da war gewiß wieder der Karl R...r der haupträdels⸗
führer! Wo sind die Stöcke? heraus damit!“ Mit diesen Worten stürzte er
auf den unglücklichen R. ..r los, der zaghaft zwei Stöcke unter der Bank
hervorzog. Wie ein Blitz brach sie Herr Schmitz mitten durch, und die
Stöcke, die somit handlicher geworden waren, führten einen Kriegstanz auf
dem Rücken des armen Jungen auf, der diesmal ganz unschuldig war.
Allein die Prügel hatte er weg, und er konnte sich mit dem Sprichwort
trösten: „Besser unrecht leiden als Unrecht tun.“ Die neuen Stöcke, die er
an Stelle der zerbrochenen obendrein wieder herbeischaffen mußte, besorgte
ihm sein Freund Otto v. Gärtner, der Sohn des damaligen Landrats, aus
dem Garten des elterlichen Hauses.
Mancher unserer jungen Freunde wird vielleicht mit Bestimmtheit an—
nehmen, daß nach der Kriegserklärung der Unterricht am Gymnasium aus—
gesetzt worden wäre, da doch in andern Städten im lieben deutschen Vater⸗
lande viele Schulen schon geschlossen waren. Unser Direktor, Herr Hollen⸗
berg, dachte jedoch nicht im mindesten an eine Aussetzung des Unterrichts.
Um die Franzosen zu erwarten, zogen wir inzwischen haufenweise auf
den Spicherer Berg, wo uns die Lothringer Buben, die von Spichern her—
kamen, mit einem hagel von Steinen empfingen. Bei diesem Steingefecht
wurde dem damaligen Tertianer Karl Röchling, dem jetzigen berühmten
Schlachtenmaler Professor Köchling in Berlin, die obere Lippe mit einem
Steine durchgeworfen. Auf dieses Kriegsspiel folgte ein Nachspiel in der
F *) Der Gymnasial⸗Oberlehrer a. D. Prof. Wilh. Schmitz ist am 2. Mai 1905
im Alter von 84 Jahren zu Aleve gestorben.
            
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