keinen Begriff davon zu machen, bis zu welchem Grad von Macht ein
Mensch sich emporschwingen kann. Wenn er durch Lothringen oder das
Elsaß reiste, so ließen die Leute mitten in der Ernte oder Weinlese alles
liegen und stehen, liefen acht bis zehn Stunden weit, um ihm entgegen⸗
zueilen. Weiber, Kinder, Greise stellten sich ihm auf den Weg, streckten
die hände empor und riefen ihr vive l'empereur! vive l'empereur!
Man hätte meinen sollen, er sei unser herrgott selbst, er gebe der Welt
das Leben, und wenn er unglücklicher Weise sterben würde, sei alles zu
Ende. Etliche alte Ceute aus der Zeit der Republik, die darüber die
Köpfe schüttelten und beim Glase Wein die äußerung machten, daß auch
der Raiser gestürzt werden könne, galten für verrückt, denn das erschien
ganz widernatürlich, und man wagte es nicht einmal zu denken.
Die Saarbrücker hatten aber auch, nach allem, was sie von den
Franzosen erduldet hatten, am wenigsten Gründe, französische Gesinnungen
zu hegen. Wenn irgendwo, so war hier der preußischen Verwaltung,
seitdem das früher nassau-saarbrückische Ländchen von dem französischen
Kaiserreiche nNapoleons an Preußen gekommen war, der Verschmelzungs-⸗
prozeß am vollkommensten gelungen.
Zwar erwarben sich nicht alle preußischen Einrichtungen mit ihrer
straffen Form gleich die Sympathie der Bevölkerung. Noch lange sagte
man, wenn einer zum Militär mußte: Er muß zu den Preußen. Dasselbe
ist noch in der Kheinprovinz in Cöln der Fall. Auch manche altertümliche
Gestalten, die unter Napoleon gedient, schwärmten für diesen Helden, und
deren gab es nicht bloß im Jahre 1815, sondern auch später noch viele.
In meiner heimat Lauterecken wohnte noch Mitte der 40 er Jahre ein
alter Landbriefträger, der im Winter und im Sommer bei Schnee
oder Regen mit seinem großen Ranzen auf dem Rücken jeden Tag fünf
Stunden weit Briefe und Regierungssachen nach Rusel brachte, der
Residenz des Herrn Landkommissärs, wie man damals noch sagte. Eine
Fahrpostverbindung gab es dorthin damals noch nicht, geschweige
denn eine Eisenbahn. Der alte Veteran, Georg Becker war sein Name,
hatte alle Feldzüge Napoleons mitgemacht, war noch mit Leib und Seele
Soldat. Den größten Genuß gewährte es uns Jungen, wenn wir abends
in seine Stube kommen durften, und er uns, nachdem er sich seine Pfeife
angebrannt hatte, von seinen Feldzügen erzählte. Im Sommer spielten
wir Krieg. Becker ließ uns exerzieren. Das ganze Exerzitium, die Uebungen
im Waffengebrauch, die Handhabung des Gewehrs, die Kommandorufe
in französischer Sprache brachte er uns bei. Sein „Sentinelle prenez
garde à vous!“ wenn wir Wachtstehen mußten, klingt mir noch heute in
den Ohren und ruft manche schöne Episode aus der seligen Kinderzeit in
mir wach.