Full text : Vaterlandsliebe

studieren, wo auch mein Vater studiert hatte. Wir freuten uns herzlich,
der französischen Gewaltherrschaft endlich zu entgehen. In den Rhein—⸗
gegenden standen noch feindliche Heere gegeneinander. Swar erfolgte nun
der preußische Separatfrieden mit Frankreich“), aber die Osterreicher
kämpften wacker fort. Über Mainz konnte man nicht reisen, da es von
den Osterreichern besetzt und auf der linken Seite des Rheins von den
Franzosen blockiert war. Gegen herbst hörten wir jedoch, daß bei Büden—
heim, zwei Stunden unterhalb Mainz, der Khein auf einem Ponton
(fliegender Brücke) zu passieren sei. Nun hatte ich keine Ruhe mehr.
Die Bedenken der Eltern wurden niedergeschlagen oder nicht beachtet.
Vor den Franzosen fürchtete ich mich nicht, weil ich sie zu behandeln
wußte, und vor den Osterreichern noch weniger, weil sie, wie ich, Feinde
der Franzosen waren. Genug, es wurde der nötige Paß für uns besorgt,
und am 2. Oktober 1795 nahmen wir von der lieben Heimat auf immer
Abschied. Ahnend sprach ich zu meinem Vater: „Wenn nach vollendetem
Studium noch hier Franzosen hausen, so kehre ich nicht wieder“, und er
erwiderte: „Du hast recht!“
Unsere Reise ging glücklich bis nach Büdenheim, wo die Überfahrt
stattfinden sollte; aber hier waren die Franzosen eben beschäftigt, Geschütze
zur Belagerung von Mainz auf das rechte Ufer überzusetzen, und eine
unübersehbare Reihe von Kanonen und Pulverwagen harrten des rückkehren⸗
den Pontons. Der wachthabende Offizier fragte uns nach unserm Passe—
port und wies uns an den General nach Büdenheim, der uns einen Paß
ausstellen müsse. Wir gingen zu ihm hin und teilten ihm mit, daß wir
nach halle reisen wollten. Auf seine Frage, wo halle läge, antwortete
ich: „Citoyen général, c'est Halle en Prussse!“ Willfährig erwiderte er:
„Ah, le roi de Prusse est notre bon ami!“ hierauf ließ er wirklich in
den Paß setzen: Halle en Prusse**), und unterschrieb.
Mit den Schiffern wurden wir hierauf durch ein Trinkgeld einig,
unsern Wagen zwischen die Kanonen in den Ponton hineinzuschieben. Wir
sprangen nach, trotzdem die Franzosen am Ufer schimpften, und kamen
wohlbehalten ans rechte Kheinufer nach dem Lande unsrer Sehnsucht. Mir
war es so wohl wie Moses, als er das rote Meer hinter sich hatte. Bald
sahen wir auch keinen Franzosen mehr. Aber noch haftete die französische
Kokarde an unsern hüten. „Wozu noch länger dieses Zeichen der Schmach?“

*) Am 5. April 1795 trennte sich Preußen von seinem Verbündeten und schloß
mit Frankreich einen besonderen Frieden zu Basel, in welchem es der stolzen
Kepublik seine jenseits des Rheines gelegenen Länder überließ.
**) Halle gehörte damals noch zu Sachsen. Erst im zweiten Pariser Frieden
erhielt Preußen für seine ehemaligen polnischen Länder fast die Hälfte von Sachsen,
die heutige Provinz Sachsen. Mit den geographischen Kenntnissen war es in der
französischen Armee nie weit her.
            
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