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Wohlgemut trat ich früh am folgenden Tag meine Wanderung ins
Gymmnasium in Saarbrücken an. Wir saßen ruhig bei unserm verehrten
Professor Kiefer und lasen eben den Livius, als wir gegen 10 Uhr ein
ungewöhnliches Wagengerassel von der Obergasse her vernahmen. Wir
wurden unruhig, und herr Kiefer erlaubte uns gern, nach der Ursache
des Lärms zu sehen. Wir liefen die Obergasse hinauf, erblickten in der
Ferne ein Gerüst und zwei hoch emporragende Balken, zwischen denen wir,
als wir näher kamen, ein schiefhängendes Hackmesser erkannten. Es war
das schreckliche Fallbeil — — die Guillotine (die sogenannte gouillotine
ambulante), um welche 40 Mann von der Revolutionsarmee standen.
Raum war das Mordinstrument vor dem Sschloßplatz aufgestellt, als
der Ausrufer erschien und öffentlich durch alle Straßen der Stadt bekannt
machte, daß die beiden Meier von Güdingen und Bübingen um 11 Uhr
hingerichtet würden.
Wie ein Donnerschlag traf dieser Kuf mein herz, ich stand da wie
betäubt und zermalmt. Mit dem Glockenschlag 11 Uhr wurden die beiden
Männer, denen man bis jetzt noch immer ihre Freiheit in KUussicht gestellt
hatte, herbeigeführt. „Ach Gott, sollen wir denn sterben?“ rief hände—
ringend einer der Unglücklichen mit der mir so wohlbekannten Stimme.
Aber sein Jammern war vergebens.
Unweit der Guillotine hielt der schon blutbefleckte Chrmann zu Pferde
mit einer Papierrolle in der hand, von welcher er schnell die Lügen ablas,
um derentwillen die Männer verurteilt worden waren, während der Scharf⸗
richter beschäftigt war, das Mordinstrument in Bereitschaft zu setzen.
Trommelschlag übertäubte jetzt die Beteuerung ihrer Unschuld und das
Jammergeschrei der beiden Frauen, die gekommen waren, um ihre Gatten
nach hause zu begleiten. Schon beim Anblick der mir und meinem Vater
so bekannten braven Männer hatte sich meine Erstarrung in einen Tränen⸗
strom aufgelöst. Zeuge zu sein eines solchen schauderhaften Mordes war
mir unmöglich. Ich stürzte wie zerschmettert durch den Volkshaufen, lief
wie von Furien verfolgt nach Arnual zu; fiel meinem Vater schluchzend
um den Hals, konnte nichts hervorstammeln, als: „Vater sie sind tot, sie
sind tot!“ und wurde ohnmächtig.
Cange war mir's als müßte ich in jedem Franzosen einen Henker er⸗
blicken, und mehrere Tage schauderte mir vor dem Gange nach Saarbrücken,
weil er über den Platz führte, wo die unschuldigen Verurteilten enthauptet
worden waren.
SZu Ostern 1795 wurde ich mit meinem Vetter Schmidt für die Univer—
sität reif erkblärt. Aber an die feierliche Entlassung war nicht zu denken,
denn der schöne Prüfungssaal (Aula), wo Professor Kiefer die Entlassung
der Abiturienten so feierlich und rührend zu machen wußte, war in ein
Franzosenlazarett verwandelt. — Mein Vetter und ich sollten beide in Halle