Full text : Vaterlandsliebe

Weg nach Saarbrücken. Die Straße führt dicht am Fuße des Winterberges
vorbei, wohin abwechselnd die preußischen Geschütze vom halberge spielten.
Doch das genierte mich nicht. Endlich zogen sich die Preußen zurück, aber
eine Schreckenszeit endete, um einer neuen Platz zu machen. Der Terrorismus
unter Robespierre und Konsorten hatte begonnen, „Friede den hütten,
Krieg den Schlössern!“ wurde auch bei uns das CLosungswort der neuen
Dandalen. An einem Abend erhob sich ein furchtbarer Schein am himmel;
wir stürzten hinaus, und das herrliche fürstliche Schloß in Saarbrücken
und das auf dem halberge standen zu gleicher Zeit in lichterlohen Flammen.
— Freiheitsbäume mußten nun überall errichtet werden. Menschen vom
niedrigsten Pöbel führten dabei das große Wort. In Ernual stand an der
Spitze ein liederlicher Kerl, der früher Regierungsdiener in Saarbrücken
war und durch schlechte Streiche sich Absetzung und „Karren-Strafe“ zugezogen
hatte. Am Karren machte er gegen die Zuschauer den schlechten Witz:
„früher war ich Regierungsdiener, jetzt bin ich Regierungs rad.“

Dieser Mensch, den die Auflösung aller gesetzlichen Ordnung auch von
seinem Karren befreit hatte, wurde nun ein heros der Freiheit und der
Gleichheit, zog das Gesindel des Dorfes an sich, warf sich zum Befehlshaber
in der Gemeinde auf, dem keiner zu widerstehen wagte, besorgte auf Kosten
der Gemeinde die Fichte zum Freiheitsbaume, die rote Mütze und die drei⸗
farbigen Bänder, die auf dessen Gipfel prangen sollten; dann bestellte er
die Musik zur feierlichen Weihe des Freiheitsbaumes und ließ, nachdem
derselbe errichtet war, den Befehl ergehen, daß das ganze Dorf sich am
folgenden Tage versammeln sollte, um den Baum zu umtanzen. Das geschah
dann in der Weise, daß das Gesindel Hhand in Hhand dreimal um den Baum
tanzte, die Hüte schwenkte und rief: „Es lebe die Republik!“

In Saarbrücken wurde ein Revolutionstribunal errichtet und der
entsetzliche Grundsatz geltend gemacht, daß, wenn vier Seugen gegen Jemand
auftraten, er dem Gesetz verfallen sei. — Ein solcher Fall trat ein, und
zwar traf er die beiden rechtlichsten und wohlhabendsten Männer aus den
beiden Filialdörfern meines Vaters, die beiden Meier (Ortsvorsteher) von
Güdingen und Bübingen, wo während der sieben Wochen die Preußen,
die das rechte Ufer der Saar besetzt hatten, in Quartier lagen. Die beiden
Ortsvorsteher wurden angeklagt, sie hätten den guten Patrioten (den
französisch Gesinnten) mehr Einquartierung gegeben als den AUristokraten
Keichstreuen). Vier Subjekte von der niedrigsten Sorte hatten sich zur
Anklage vereinigt. Die beiden Männer wurden gefänglich eingezogen.
Der bekannte Blut- und Ehrmann verhörte sie. Sie taten ihre Unschuld
dar, und auf ihre und ihrer jammernden Frauen Frage: ob man sie nun
nicht ihrer Hhaft entlassen würde — ward ihnen ihre Freiheit für den
folgenden Tag zugesichert.
            
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