Full text : Vaterlandsliebe

geheimer Wonne.“) Unser Vertrauen zu den Preußen war unbegrenzt; wir
erinnerten uns an die Siege Preußens, an die Franzosenjagd bei Roßbach
und Minden, und Preußen und „Sieger“ war uns gleichbedeutend.
„Der mir unvergeßliche Tag von Pirmasens**) erschien, ich hörte zum
ersten Male den Donner preußischer Kanonen, er kam näher und näher
und wurde lauter und lauter. Wir liefen hinaus auf einen nahen Berg
und sahen, wie die Franzosen von den Anhöhen des andern Saarufers
retirierten, sahen die nachrückenden preußischen Kanonen unter sie spielen,
sahen, wie sie endlich in wilder hast auf eine über die Saar geschlagene
Brücke zueilen, und glaubten nun, da Alles auf das linke Ufer zu uns
herüber strömte und unaufhaltsam sich gegen Saarlouis und Metz zurück—
zog, zum letztenmal Franzosen gesehen zu haben. Wir hofften, nun zum
erstenmale die lang ersehnten Preußen zu sehen. Vergebliche hoffnung!
Alle Franzosen hatten uns verlassen, und die jubelnden Saarbrücker hatten,
wie verabredet, in allen häusern für die Sieger von Primasens Ruchen
gebacken, und siehe, kein Preuße kam; das ganze Knobelsdorf'sche Korps
setzte sich auf den Bergen und Anhöhen des rechten Saarufers fest und blieb
in dieser Stellung vor unsern Augen sieben ganze lange Wochen stehen.
Am andern Tage kamen unsere leidigen Gäste, die Franzosen, zurück,
verzehrten die für die Preußen gebackenen Kuchen und legten den armen
SsSaarbrückern für ihre Preußenliebe eine Kontribution von einer Million
Franken auf.
Gerade Arnual gegenüber auf dem halberg pflanzten die Preußen ihre
Kanonen auf. Die Preußen schossen herüber, und die Franzosen hinüber.
Es war eine nutzlose Pulververgeudung, die Arnual beinahe in einen Schutt⸗
haufen verwandelt hätte. Solche Erlebnisse machen auch kühn und beherzt;
vor einer Kanonenkugel kannten wir keine Furcht mehr; nur wenn die
Geschütze aufblitzten, büchten wir uns immer; die Haubitzgranaten fürchteten
wir, da sie leicht zindeten. Wir näherten uns oft wohl auch der Saar so
weit, daß die am andern Ufer stehenden Preußen unsere Stimme vernehmen
konnten. Die Franzosen riefen dann höhnend den Preußen zu: „Soldats
pour trois cruches!“ (drei Kreuzer) worauf jene antworteten: „Königs-⸗
mörder!“ —

Das Gymnasium war in den ersten Wochen dieser drangsalsvollen Zeit
geschlossen, das Lokal von den Franzosen in Beschlag genommen. — Ich
war bereits schon im zweiten Jahre Primaner (Oberprimaner) und fühlte
eine wahre Sehnsucht nach der Schule. Und so machte ich mich auf den

*) Der erste Coalitionskrieg Preußens und österreichs gegen die französische
Kepublik 1792, um die Empörer und Königsmörder zu züchtigen, nahm anfangs
einen günstigen, später einen kläglichen Verlauf.
**) Der Sieg der Preußen über die Franzosen am 14. September 1793.
            
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