Full text : Vaterlandsliebe

Viele Statuen und Büsten, welche die monumentalen Gebäude der Gegend
schmückten, schauten in die CLuft ohne Nasen und Ohren, die von den
Franzosen einst im Übermut des Vandalismus abgehauen waren.
Der liebe Gott wurde auf Befehl der Franzosen für abgesetzt erklärt,
und an seiner Stelle die Vernunft in Gestalt einer Frauensperson als
Göttin verehrt. Sur Proklamation der „Göttin der Vernunft“ berief
ein französischer Kommissär die Bürger in die Kirche, wo einer von
ihnen ein hoch auf die Republik und die neue Göttin ausbringen sollte.
Sie wählten hierzu einen lustigen Vogel, einen Schuster mit dem Spitz⸗
namen „Speckfett“, der auf Befehl des Kommissärs die Kanzel bestieg und
das hoch ausbrachte.
Die neue Freiheit, über die man sich durch Tanzen und Freiheits⸗
bäume freuen mußte, brachte noch Lasten. KRontributionen blieben nicht
aus, und als die erschöpfte Stadt eine Deputation an den General schickte
mit der Bitte, doch Nachsicht mit der Not der Cinwohner zu haben, da gab
er die echt französische Antwort: „Ihr habt noch zu viel, und
wir werden euch nichts lassen als die Augen zum Weinen“.
Gegen einzelne patriotische Bürger ging man besonders scharf vor.
Man drohte, wenn man sie erwische, sie vom Rathausturm zu werfen,
erklärte die Entflohenen für Emigranten und zog ihr Vermögen ein. Die
sahlungen der Franzosen selbst geschahen nur in Assignaten, die später
ganz wertlos wurden. In manchen Saarbrücker häusern konnte man
noch an gewissen Ortlichkeiten merkwürdige Tapeten sehen, die aus reihen⸗
weise aneinander geklebten Assignaten bestanden, auf denen, eine Ironie
des Schicksals, geschrieben stand: bon pour cents francs, bon pour mille
franes usw.

Von der Guillotine, die auf dem Marktplatze stand, nur um Entsetzen
zu verbreiten, und von den beiden unschuldigen Leuten, die enthauptet
wurden, wird uns ein HRugenzeuge, der Saarbrücker Gymnasiast Hhandel,
erzählen.

Auch in seinem herzen hatte in jenen Zeiten die Vaterlandsliebe schon
ihren Platz behauptet. Die Selbstbiographie des jungen Gymnasiasten
handel, der uns eine interessante Schilderung seiner Schuljahre am Saar—
brücker Gymnasium hinterlassen hat, ist in der Tat ein Stückchen Volks-,
Kriegs⸗ und Kulturgeschichte des Saarbrücker Ländchens am Ende des
achtzehnten Jahrhunderts und dürfte wohl heute noch große Beachtung
berdienen.

Christian Friedrich Handel war geboren im Jahre 1776 zu Saarbrücken,
wo sein Vater Konrektor am Gymnasium war, später aber als Pfarr⸗
adjunkt seines emeritierten Großvaters nach dem eine kleine halbe Stunde
von Saarbrücken entfernt gelegenen St. Arnual versetzt wurde.
            
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