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Ddeutschland und die Grafschaft Saarbrücken
vor ea. 100 Jahren.
Mit Recht hat man in unseren Tagen der Erinnerung an Deutschlands
trübste Seit der Erniedrigung und Serrissenheit nach den Ursachen des
politischen Zusammenbruchs vor hundert Jahren gefragt, der zur Ab⸗
tretung des linken Rheinufers an Frankreich führte.
Wie war ein solcher Waffenerfolg des französischen Revolutionsheeres
möglich zu einer Zeit, wo das neue Kriegswesen in Frankreich noch nicht
geschaffen war?
Man glaubt es kaum heute, wo alle jene Niederlagen wett gemacht
worden sind durch die ruhmvolle Erhebung der Befreiungskriege und die
späteren glorreichen Ereignisse der Jahre 1870/71, wenn man die Geschichte
der damaligen Seit liest.
In einer längern Abhandlung“) haben wir s. 3. diese Frage ein—
gehend behandelt, und wir sind zu dem Resultat gekommen, daß die Ur—⸗
sachen des politischen SZusammenbruchs Deutschlands vor 100 Jahren in
den damaligen unglücklichen Verhältnissen lagen, und diese wiederum eine
Folge des ganzen politischen Entwicklungsganges Deutschlands waren.
Letzeres ist, um uns kurz auszudrücken, den Weg der Einheit zur Vielheit
gegangen, während umgekehrt Frankreich den Weg der Vielheit zur Einheit
eingeschlagen hatte. Dort hatten es die Capetinger verstanden, die Einzel⸗
fürsten auf jede Art auszumerzen. In Deutschland hatte sich nach dem
lussterben der Karolinger das Reich wieder in seine 5 Stammesherzog⸗
tümer Lothringen, Sachsen, Bayern, Franken, Schwaben zersplittert und sie
zu Landeshoheiten ausgebildet. Von einem Nationalgefühl konnte daher
in jener Zeit kaum die Rede sein, und selbst heute noch ist bei uns in
Deutschland der Patriotismus nicht so entwickelt, wie in Frankreich. Viele
deutsche Reichsfürsten, zu denen auch die Grafen von Saarbrücken PhilippplJ.
(1381- 1429) und Johann III (1442- 1471) zählten, leisteten nur noch
gegen Bezahlung dem heerbanne Folge; die Zeit, wo alle waffenfähigen
Männer, wie es unter Karl dem Großen üblich war, bei Androhung der
strengsten Strafen sich stellen mußten. war schon Ende des 14. Jahr⸗
hunderts vorbei.
Bei Erwähnung der Grafen von Saarbrücken möchten wir daran
erinnern, daß von den obengenannten Stammesherzogtümern des deutschen
Reiches das Cotharingische Zwischenreich infolge seiner Lage Jahrhunderte
lang der Zankapfel zwischen Frankreich und Deutschland gewesen ist,
und daß es kein Land gibt, dessen Besitzer so oft gewechselt haben, wie
Lothringen. Wir beabsichtigen nicht, in diesem Werkchen auf die Geschichte
*) Vgl. meinen Artikel. „Politischer Zusammenbruch Deutschlands vor 100
Jahren“ in Nr. 28 und 29 der Saarbrücker Zeitung 1907.