Full text : Vaterlandsliebe

Okkupation den Zigarren⸗ und Tabakhandel, an jeder Ecke standen brüllende
Tabakhändler mit großen Zeltständen.
Während unserer Abwesenheit hatten wir unsere Verwundeten in den
Sjpitälern von Amiens gelassen. Eine Rotte Patrioten oder Franktireurs
wollte sich an den wehrlosen Feinden vergreifen, aber die Amienser Bürger
verwehrten den Zugang. Eine ehrende Tafel an allen Spitälern lobte diese
Tat. Sie war französisch geschrieben und unterzeichnet von General von
Manteuffel.
Es wurde nach den Feiertagen in Amiens ein Wachkommando gebildet,
welchem ich auch zugeteilt wurde, während der Rest nach Norden zog. Von
Bapaume kamen den ganzen Tag Wagenzüge mit Verwundeten angefahren,
das Geschützfeuer rasselte bis in die Nacht, hoffentlich ist der Sieg unser.
Cines Morgens erklärte mir der Feldwebel, als ich von Wache kam, ich
hätte die Pocken und müsse sofort ins Pockenlazarett. Ich hatte mich aller⸗
dings die Nacht unwohl gefühlt, Frost und Kreuzschmerz gehabt, zeigte auf
der Nase einige Pusteln, sonst aber auf dem ganzen Leibe nichts. So zog
ich denn in die Bibliothek, welche zum Pockenhospital hergerichtet war.
hier war es im höchsten Grade ungemütlich. Viele Schwerkranke, Deli⸗
rierende, welche nachts umherwandelten, Sterbende und Tote, kein Arzt,
nur ein alter französischer Spitaldiener, welcher mehrmals am Tage mit
einem Eimer voll Essen und einer Flasche Chinawein unter dem Arm umher⸗
ging. Mein hunger wurde immer stärker, ich bat um Fleisch, kriegte auch
welches; die Cangeweile plagte mich, ich suchte nach Lektüre, fand aber
nichts rechtes in dem enormen Raum, welcher mit Brettern verschalt war.
Nach ein paar Tagen wollte ich entlassen sein, mußte aber noch in das
Kekonvaleszentenhaus. So suchte ich mir denn aus dem Waffenberge in
der Bibliothek die besten Stücke aus, sage dem großen N am Gebäude
balet und ziehe in das gemütliche Rekonvaleszentenheim, ein hübsches
Bürgerhaus, mäßig belegt mit einer fidelen Blase. hier führten wir nun
ein Schlaraffenleben, wie Gott in Frankreich. Draußen hatten unsere Kame—
raden mittlerweile St. Quentin geschlagen, und wir liefen hier ohne jeden
Dienst und jede Beaufsichtigung mit umgehängtem Gewehr in den Straßen
und Billardcafes herum. HAuch im Rekonvaleszentenhaus habe ich keinen
kirzt gesehen. Schließlich langweilte uns auch dieser faule Aufenthalt, und
wir beschlossen, 12 Mann hoch vom 69. Regiment, dasselbe aufzusuchen.
Wir brachen auf und marschierten nach Corbie zu. Unterwegs wurden
doch manche Rekonvaleszenten schlapp; daher mußte der erste beste Bauer,
der uns mit guten Pferden entgegenkam, den Mist abladen, die Bretter
herumdrehen und uns nach Corbie fahren. Sein „nom de Dieu, nom de
Dieu“ verstummte vor 12 Gewehrläufen. In Corbie bezahlten wir ihn
gut, und er schob freundlich heim. In Corbie selbst war es jedoch nicht
freundlich. Man schleppte just einige Geiseln, die ersten Bürger der Fabrik—
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.