Full text : Vaterlandsliebe

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Am 8. ging es über Marslatour nach Braquis. Am 9. nach Somme⸗
Dieu. Dies ist ein kleines Fabrikstädtchen, herrlich in einem Tale gelegen.
Das Schicksal führte mich zu zwei uralten Leutchen ins Quartier, die bei
unserm Anblick in helle Verzweiflung gerieten. Das kleine häuschen
wurde durchsucht, natürlich nach verborgenen Waffen, wie der Befehl es
vorschrieb, aber es fanden sich weder Waffen noch Nahrungsmittel außer
einigen üpfeln. Auf meine Vorstellungen hin beruhigten sich endlich die
Alten und sannen auf Mittel, unsern knurrenden Magen zu stillen. Sie
waren jedoch unfähig etwas anzufangen, weshalb sie die Tochter ihres
Nachbarn zu hülfe riefen. Jetzt bekamen wir schnell, was wir wünschten,
nebenbei bemerkt, aus den händen des schönsten Mädchens, das ich in
Frankreich gesehen habe. Das einzige Bett der Alten wurde mit Beschlag
belegt. Doch mußte man sich so bald wie möglich hineinverfügen, sonst
kamen uns sofort andere Musketiere zuvor, und die Uussicht auf ein
ordentliches Lager war vorbei: dann mußte man froh sein, wenn es dem
Bauer — Bauer hieß jeder Franzose, selbst der reichste und nobelste
Quartiergeber — moͤglich war, de la paille herbeizuschaffen. Dann nahm
man den Mantel zur Decke, den Tornister als Kopfkissen, während die
vergnügten Musketiere im Bette zu häupten lagen, — mein herz! was
willst du noch mehr? Morgens hatte uns die Schöne einen recht guten
Kaffee gebraut, und mit Dank schieden wir von den guten, alten Leuten.
Doch nimmt denn heute der Marsch gar kein Ende? Es regnet in
einem fort, der Mantel und Tornister, beide sind so schwer, es geht sich
so schlecht auf der weichen Straße, man macht oft Rendezvous, die Musik
spielt, aber das alles hilft nicht mehr, die Müdigkeit und der hunger
lassen sich nicht hinwegspielen. „Monsieur, combien de kilométres à Courcelles?“
 „Je ne le sais pas“, war der Bescheid. Der nächste Bauer
wird wieder angeranzt. „Quatorze;“ also noch 3 gute Stunden. Jetzt
ging aber ein Fluchen und Verwünschen los unter den braven Musketieren,
daß ich heute noch nicht begreife, wie vom ganzen Regiment noch einer
übrig ist. Hat mich denn Gott so verlassen? Gibt es denn keine Ge⸗
rechtigkeit mehr auf der Welt?“ hörte ich unter Tränen meinen Freund
und Nebenmann Müller ausrufen, der im letzten Quartier auch noch seine
goldene Uhr hatte liegen lassen. Doch da zeigen sich ja Häuser. Gottlob,
wir sind da. Aber o weh, da steht ja ein Posten; wie heißt denn das
UNest? Das ist Clairmont, hier sollte das erste Bataillon bleiben, es
blieben aber auch die meisten von den Unsern. Erst nach einer langen
Stunde kam vielleicht der dritte Teil unseres Bataillons in Courcelles an.
Es war ungefähr 9 Uhr abends, der kleine Ort lag schon zum Erdrücken
oboll. Ich weiß nur noch, daß ich in Stroh geschlafen habe, zugedeckt
mit einer husaren⸗Reitdecke. An Essen war weder abends noch morgens
zu denken. Dies war einer der längsten Märsche, die wir hatten, 44
            
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