Full text: Band 2 (2)

Brief der Gräfin Luise von Ottweiler an Geheimrat Kromayer. 329 
trösten, und, Gott möge es mir verzeihen! aber in diese Seine 
Fügungen kann ich mich nicht finden. — Man möchte die Vor— 
sehung fragen, warum, o Gott! thatest du mir das, warum mußte 
so ein guter Mensch in der Blüte seiner Jahre ein Leben ver— 
ieren, das so vielen Menschen wert war! O! lieber Herr Ge— 
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den Wert des Herzens, das Sie von Jugend auf bildeten! — 
Wir erhielten diese schreckliche Nachricht von Charles' Haupt— 
mann, schon die vergangene Woche. Es war am 16. August, 
daß mein geliebter Bruder Nachmittags 3 Uhr in die rechte Brust 
geschossen wurde — — er that einen lauten Schrei, sank in die 
Arme seines Hauptmanns und in wenigen Augenblicken starb er. — 
Stellen Sie sich unsere Trauer vor! die Mama so einen Sohn 
nach dem anderen zu verlieren, und ich meinen Bruder, den ich 
über alles liebte, — man mußte ihn ja nur kennen, um ihn zu 
lieben! — Dieser traurige Vorfall war auf den Anhöhen des 
Urselnberges in der Schweiz, wenige Minuten später wurde der 
Hauptmann und die ganze Compagnie gefangen, — o warum Er 
allein nicht! Alle Umstände sind so jammervoll, denn durch dies 
Vordringen der Feinde konnte unser nun verklärter Freund nicht 
zurückgetragen werden, mgn mußte ihn liegen lassen und so be— 
kamen ihn die Fr—, die ihn ganz auszogen. — Ist unser Schicksal 
nicht zum Erbarmen? — Doch gleichviel, wo sein Körper ruht — 
seine Seele hat gewiß eine schönere Stelle, als er je hienieden 
gehabt hätte. — Trauern Sie mit uns, lieber Kromayer, auch 
Sie haben schon des Unglücks viel erlitten — doch noch keinen 
so herben Verlust wie wir! — Kloß hat gestern auch uns ge— 
schrieben, doch noch nichts Ausführliches, allein was ich erfahre, 
werde ich Ihnen mittheilen, versichert wie ich es Ihrer erprobten 
Freundschaft für uns alle und besonders für Ihren seeligen Zög— 
ing bin. — Leben Sie wohl, lieber Herr Geheimer Rath — 
dieser Brief hat mir eine neue bittere Stunde gemacht — doch 
ich überlasse mich gern meiner Wehmuth, die nur mit meinem 
Leben endigen kann! — 
Louise Ottweiler.
	        
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