Full text : Abweichungen der Mundart des Kreises Ottweiler vom Hochdeutschen nebst einem Verzeichnisse mundartlicher Ausdrücke

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Das g des Stammes fällt oft aus: er liet-liegt, fliet-fliegt, zeit—
zeigt, let-legt, lüt-rügt. Außerdem bleibt wie in der 2. Person
die Vokaländerung fast immer aus: er grabt, fallt, tret, trefft,
sterbt, meßt, laaft, schlaat, traat-trägt. In der 1. und 3. Person
der Mehrzahl wird bei faulem Sprechen das n oft ausgelassen
oder so undeutlich gesprochen, daß es nicht ins Sprachgefühl geht:
mir laafe, gehe, schreibe, schieße, esse, sie singe, sie sitze, bleibe.
In einigen Orten hört man sogar bin für sind in der 1. Person
Plur. (Mir bin auf Neunkirchen gefahren). In der 2. Person
Plur. hört man überall die Endung en statt et. Ihr gehen,
singen, beten, essen, schreien, — hann ihr? sinn ihr? können ihr?
Bemerkenswert ist noch, daß die Wörter stechen und stecken,
führen und fahren, sitzen und setzen, wiegen und wägen, sinken
und senken nicht unterschieden werden. (leihen, lehnen, hängen,
hangen).
Das Imperfekt ist in der Mundart wohl nur mit war,
saat-sagte, hatte-besaß gebräuchlich. Gewöhnlich behilft man sich
mit dem Perfekt. Wo die Mundart versucht, die Imperfektformen
nachzubilden, machen besonders die Wörter, die in der Nennform
auf den und tken enden, Schwierigkeiten: beteten, fasteten, schlach—
teten, redeten, hüteten, erwarteten, schadetest, verkündetest, kosteten:
Das Verfekt wird dem Hochdeutschen entsprechend gebildet.
Doch zeigt das Mittelwort der Vergangenheit allerlei Abweich—
ungen, insbesondere die Neigung zu Abkürzungen: geß (gegessen),
gebb (gegeben), geseß, gesprung, geschlacht, gebad, geschnied (ge—
schnitten), gebet, gescholl (gescholten), gekroch, komm (gekommen),
gang (gegangen), fonn (gefunden), blief (gebliebens. Die Formen.
gebrung-gebracht, gedenkt-gedacht, genennt, gerennt, gekennt sind
an vielen Orten des Kreises gebräuchlich. — Bei einigen Wörtern
wird das Mittelwort mit ge gebildet, während das Hochdeutsche
diese Silbe nicht gebraucht: geregiert, geprobiert, geprophezeit,
gemarschiert, getapeziert, gebuchstabiert.
Die in der Vergangenheit als vollendet gedachte Handlung
wird in der Mundart nicht mit dem Imperfekt des Hilfszeit—
wortes haben, sondern mit dem Perfekt desselben und dem Mittel—
wort der Vergangenheit gebildet: Ich habe schon geschrieben ge—
habt. Das Kind hat seine Aufgaben gemacht gehabt. — Bei
den mit sein konjugierten Verben sagt man richtig: Du warst
schon hereingegangen. Wir waren von dem Baume herabgestiegen.
            
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