Full text : Abweichungen der Mundart des Kreises Ottweiler vom Hochdeutschen nebst einem Verzeichnisse mundartlicher Ausdrücke

9. Der beim LTesen nicht seltene Fehler, gedehnte Vokale kurz
zu sprechen, entsteht oft durch das Bestreben, recht forsch zu lesen.
Man hört dann Gnadde, warr, Vatter, grosses. — Auch gibt es
manche Wörter, die mundartlich kurz, im Hochdeutschen lang sind:
siwwen-sieben, Mill-Mühle, widder-wieder, Boddem-Voden, Patt—
Pate, Vatter-Vater, Siff-Sieb, Stiwwel-Stiefel. Hüwwel-Hügel,
desgleichen bei aber, über, Schiefer, Spiel, Giebel. — Bei Ball
(Tanz), Stirne, Mulde, Bürde, Schlitten, Korn, Schatten, Furche,
Flachs, Achse, Wachs usw. wird der Vokal entgegen dem Hoch—
deutschen lang gesprochen.

II. NRlitlaunte.

1. Die 5-Laute. Wir unterscheiden den stimmhaften und
den stimmlosen S-Laut. Ersterer wird bezeichnet durch s (S) und
steht im Anlaute der Silben vor einem Vokal. (sehen, so, süß,
lesen, Häuser, lose, Hälse, Felsen, Trübsal). Er wird gebildet,
indem die Luft zwischen den mittleren Schneidezähnen durchströmt
und sich an ihnen reibt; gleichzeitig klingt die Htimme mit.
In unserer Gegend wird dieser Laut dadurch schlecht gebildet,
daß man das Mitklingen der Stimme durchweg unterläßt. Man
spricht: leßen, ßehen, ßo, Häußer, Felßen, so daß in heiser und
heißer, Bluse und Bluße, Geißel und Geisel, genießen und niesen,
reißen und reisen, Spießen und Spiesen, weißen und weisen die
S-Laute nicht zu unterscheiden sind. — Weil es hier an der
Unterscheidung fehlt, wird auch der gegenteilige Fehler sehr oft
gemacht, der darin besteht, daß man in Wörtern, die im Hoch—
deutschen ein stimmloses S haben, ein stimmhaftes setzt. Man
hört daher oft Buse statt Buße, Mäser (kurz) für Messer, schiesen
für schießen, grüsen für grüßen, stosen für stoßen, Flüse (kurz) für
Flüsse, Füse für Füße, Fäser (kurz) für Fässer, esen (kurz) für
essen, fleisig für fleißig, süse für süße, wisen (kurz) für wissen,
Kisen (kurz) für Kissen. Die Schuld daran trägt zumteil die
übliche übrigens falsche Bezeichnung weiches sJefür stimmhaftes,
scharfes s für stimmloses; dadurch wird das Augenmerk von
der eigentlichen Verschiedenheit abgelenkt und die Meinung er—
weckt, als ob der Unterschied in dem Stärkegrade des Anblasens
liege, während er doch lediglich darin besteht, daß das eine mit
Stimme, das andere ohne Stimme gesprochen wird. Es wird
sich daher empfehlen, die Bezeichnungen weiches und scharfes durch
            
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