Full text : Zur Feier des 50-jährigen Bestehens des Realgymnasiums zu Neunkirchen-Saar

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schon die Formel geprägt: „Die Freideutsche Jugend will aus eigener Be—
stimmung, vor eigener Verantwortung, mit innerer Wahrhaftigkeit ihr Le—
ben gestalten“ (vgl. Frz. Hilker „Jugendfeier“, S. 8). Die Pädagogik selbst
begann sich neben Philosophie und Psychologie als Eigenwissenschaft zu
en:falten. Den beiden Wurzeln des heutigen Schullebens: der neuen Er—
ziehungslehre als Wissenschaft und der Jugendbewegung als Gefühlsrevolu—
tion gegen Materialismus und Unfreiheit können wir hier ebensowenig
länger nachspüren wie den mannigfachen kräftigen Trieben der Pflanze.
Genug, einer der Triebe, welche sich an unserer Schule am üppigsten ent—
wickelt haben, ist die Vortrags- und Bühnenkunst.

Als in der ersten Schulgemeinde-Vorberatung 1919 festgestellt wurde,
auf welchen Gebieten unsere zur Selbstverantwortung und Mitarbeit berei—
ten Schüler neues Leben oder neue Wege wünschten, da wurde eben auch
das Bühnenspiel genannt. Begreiflicherweise nur dies, nicht die Vortrags—
kunst im engeren Sinne. Deren Sonderwert als Vorstufe für jenes konnten
die gefühlsbetonten Wünsche der Schüler damals nicht erfassen. Die Jugend
möchte immer erst den Weg abkürzen oder das Ziel erfliegen. Für den
pädagogischen Leiter galt es zunächst, das entflammte Leben wachzuhalten.
Die Einsicht würde schon mit der Zeit kommen. Ehe aber eine Spielschar mit
einheitlichem Arbeitswillen vereinigt war, trat schon die neue Musik—
vereinigung der Schüler mit ihrem ersten öffentlichen Konzert auf den
Plan (2. 11. 1919). Sie konnte an früher Vorhandenes anknüpfen und
daher rascher gebildet werden. Auch ist vielfach die Musikpflege schon vom
Elternhause her den Schülern geläufig. Ihre leider schon unterbrochene Ge—
schichte zu schreiben, ist nicht meine Aufgabe. Das eine aber sei doch betont:
Die Leiter der Theatervereinigung haben immer wieder dazu angeregt, daß
auch musikalische Schülervorträge geboten würde. Schon früh haben sie ei—
nen engen Bund mit der Musikvereinigung geschlossen, der sogar wirtschaftlich
für diese vorteilhaft war.
Nun zur Entwickelung des Bühnenspieles an unserer Schule. Aller
Anfang ist schwer. Innere und äußere Schwierigkeiten waren zu überwin—
den. Aber von vorneherein wurden alle Arbeiten der Thceatervereinigung
von dem größten Wohlwollen und der herzlichsten Anteilnahme beglette;
durch den hochverdienten Leiter der Anstalt. Dafür gebührt Herrn Geheim—
rat Wernicke der größte Dank von seiten aller, die hierin gefördert worden
sind. Im städtischen Saalbau mußte zunächst gespielt werden; die Aula der
Anstalt besaß nur ein einstufiges Podium und noch keine Bühne. Auch war
kein Geld im Schulhaushalt vorhanden, aus dem man die notwendigen Aus—
lagen hätte bestreiten können. Eins aber war vorhanden, und das führte
zum Ziele: der Wille zur Tat. Auch das Spiel kann eine Tat sein. Dieser
Wille siegte über den Willen zur Kritik, er siegte über alle technischen Hemm—
nisse. In gewandter und opferwilliger Weise wurden alle Fragen gelöst:
Die Selbstverwaltung leistete hierin das meiste. Der altgriechische Thespis—
karren tauchte wieder auf: alle nicht im Saalbau vorhandenen Versatstücke
und Geräte wurden aus Elternhäusern herangefahren, die Kleider leihweise
don dem Geschäftshause Kaiser in Saarbrücken bezogen. Und ähnlich halten
es die übrigen Laienspieler in Neunkirchen und auch die Künstler-Wander—
hühne muß auf diese Weise vom Allg. Volksbildungsverein unterstützt wer—
den (diese freilich nicht mit Kleidern).
            
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