Full text : Zur Feier des 50-jährigen Bestehens des Realgymnasiums zu Neunkirchen-Saar

Hand⸗ und Körperbewegungen, Mienenspiel, Zusammenspiel, Abgehen. Auch
hier wirkt die List der Idee mit: gesundheitlich werden Stimme, Hals und
Lunge gepflegt, gesellschaftlich werden anständige Haltung, sicheres Auftre—
ten und gefällige Anmut erstrebt. Zu schöpferischen Gestalten gehören schließ—
lich auch Maske und Raum. So wird eine Reihe praktischer Fähigkeiten
entwickelt. Sie beziehen sich auf das Bühnenbild (Handfertigkeit im Auf—
bau, Blick für Wirkungsmöglichkeiten, Handhaben von Lichtvorrichtungen
u. a.) und auf die Verkleidungskunst. Wie vielseitig aber der erzieherische
und bildende Wert von Schülerveranstaltungen sein kann, erkennt man zu—
lett daraus, daß hier die Selbstverwaltung zu organisatorischer Tätigkeit
führt. Vom ersten Spielplan an über Vortragszettel, Werbetätigkeit, Kar—
tenverkauf, Herrichten des Saales, Anweisen der Plätze bis zur Nachbespre—
chung des Kunstabends werden die mannigfachsten Kräfte benötigt. Und
wenn dann das planmäßige Ueben in geschlossener Gruppe die Form eines
Schülervereins annimmt, so ist damit der Selbstverwaltung und dem wahren
Schulgemeindegedanken dauernd gedient. —
Dieser schlichte Nachweis, welche Bildungsaufgaben die Vortrags- und
Bühnenkunst an der Schule zu lösen versucht, möge als grundsätzliche Einlei—
tung genügen. Von höherem psychologisch-philosophischen Standpunkte aus
zu sprechen, ist in diesem praktischen Festberichte nicht der Ort. Denn nun
wollen wir ja die Taten sehen, um von ihnen aus zu erkennen, daß hier
ein richtiger Weg beschritten wird und wie der Weg ausgebaut werden soll.

Die Pflege der Vortrags- und Bühnenkunst bis zum Kriegsende.
Im Eingang unseres Aufsatzes betonten wir, daß es eine nebensäch—
liche Frage sei, ob und inwieweit es sich hier um einen neuen Weg handle.
Schulfeiern mit Deklamationen und gelegentlichen Aufführungen hat es fast
überall schon seit Jahrhunderten gegeben. An manchen Orten gab es vor
dem Weltkriege literarische Schülervereinigungen, die hie und da wertvollere
Spiele boten. Daß unsere Schule vor dem Kriege in dieser Richtung nur
ganz wenig tun konnte, ist leicht begreiflich. Denn sie ist verhältnismäßig
jung, noch nicht lange ausgebaut und hat ebenso, wie der Schulort selbst,
noch wenig eigengeistiges Gepräge. Vom ersten Schuljahre (1875) bis zum
zwanzigsten Jahre (1895) heißt es jedesmal mit ähnlichen Worten in der
„Chronik“ unserer Schule: „Der Kaisersgeburtstag wurde mit Festrede, De—
klamation und Gesang im Kreise der Schule festlich begangen.“ Und das ist
die einzige Andeutung über Pflege der Vortragskunst. Seit dem Jahre 1896
kam ein wenig neues Leben in diese gleichmähßige Feier. Bis zum Jahre
1901 werden vaterländische Festspiele aufgeführt, bei denen Gesang, Dekla—
mation und Musik zusammenwirkten (so 1877 „Wilhelm der Große“ von
Drees, 1898 „Germanias Rheinwacht“ von Hermann Müller, 1901 „Das
Meer“ von Johannes Weber). Obwohl hier, dem Anlaß der Feier entspre—
chend, der vaterländische Zweck vor dem künstlerischen den Vorrang hatte,
läßt sich doch nachfühlen, daß ein solches Festspiel mehr auregte als die frühe—
ren Feiern. Zudem hielten es bis dahin die Schulen vielfach so.
Mit dem Jahre 1904 erfolgte der größte Umschwung vor dem Kriege.
Denn nun wurden zu Kaisersgeburtstag Szenen aus solchen vaterländischen
Dramen, die literarisch ernster zu nehmen sind, gespielt; so im Jahre 1904
aus Paul Heyses „Kolberg“ und 1907 aus Heinrich von Kleist's „Prinz von
            
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