Full text : Zur Feier des 50-jährigen Bestehens des Realgymnasiums zu Neunkirchen-Saar

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les falsch oder unzulänglich erfaßt sein sollten, so wird beim künstlerischen
Vortrag der Gesamteindruck viel eher gefährdet als bei etwas mehr gleich—
mäßigem Hersagen oder Lesen in der gewöhnlichen Unterrichtsstunde. So—
mir sieht sich der Schüler gezwungen, für einen kunstmäßigen Vortrag das
Werk gründlicher durchzuarbeiten als für eine Lehrstunde. Nun gewinnt
aber der Zuhörer für die Dichtung oft ein neues Verstäudnis, wenn der
Vortragende die Umwelt genauer widerspiegeln oder den Leitgedanken, ei—
nen Einwurf, eine Nebenbemerkung, einen Begleitumstand blitzartig erhel—
len kann. Und indem nun der Schüler veranlaßt wird, das Werk bis in
die kleinsten Einzelheiten und bis in den Grund seiner Gedankenwelt zu
durchdenken, wird er zunächst persönlich geistig gefördert. Durch seinen
Vortrag fördert er dann auch die Mitschüler, vielleicht sogar manchen Er—
wachsenen und Gebildeten. —
Gefühlvolles Erleben bereichert die Seele des jungen
Menschen und weitet sein Herz. Will der Schüler seinen Kameraden etwas
mitteilen, was sie außerhalb der Lehrstunden gerne hören mögen, so muß
es „ihm von Herzen gehen“; sonst wird er niemals „Herz zu Herzen zwingen“
und das „urkräftige Behagen“ seiner Hörer erwecken. Für echte Begeiste—
rung, wahres Ergriffensein, hat die Jugend das feinste Verständnis. Spott
und Gleichgültigkeit werden durch echtes Gefühl gebannt. Also muß der
Schüler über das vertiefte Verstehen hinaus versuchen, sich in die Seele der
Gestalten zu versetzen, die er verkörpern will. Tabei bewirkt nun aber „die
List der Idee“ (um einen Begriff Hegels hierauf zu übertragen), daß er auch
in den Herzen solcher Menschen lesen lernen muß, die an sich anderer Art
sind als er selbst. Und so wird er bis zu einem gewissen Maße der Kunst
teilhaftig, die uns allen heute so bitter nottut. Diese Kunst ist das wahre
Mitleiden, welches sich auch in die Lage und Empfindungswelt des Näch—
sten versetzen kann. Ueber den seelischen Wert gefühlvollen Erlebens für Ge—
stalter und Schauer braucht im übrigen nichts mehr gesagt zu werden: ist er
doch von jedem schon innerlich erfahren worden.
Das Mittel, wodurch dieses vertiefte Verstehen und gefühlvolle Erleben
ausgedrückt und vermittelt wird, ist das schöpferische Gestalten.
Was allgemeine geistige und seelische Bildung dazu vorbereitend beigetra—
gen haben, ist oben ausgeführt worden: nun kommt aber als technisches
Vittel hinzu die Sprech- und Bewegungskunst. Wenn dieses Mittel Selbst—
zweck wäre, so müßte der künstlerische Vortrag schon um dessentwillen auf der
Schule gepflegt werden Dieser Puntt wird in der pädagogischen Literatur
heute besonders betont, ich verweise vor allem auf Erich Drachs Buch
„Sprecherziehung. Die Pflege des gesprochenen Wortes in der Schule“, 1922
zu Frankfurt a. Main erschienen. Es bildet den 3. Band des „Handbuches
der Deutschkunde (Führer zu deutscher Schulerziehung)“, herausgege. v Schell—
berg und Sprengel. Namentlich in den kleineren Orten des Saorgebietes
ist die Sprechkunst so wenig entwickelt, daß trotz der Lautierübungen in den
neueren Sprachen und trotz der Bemühungen im Deutschen nur verschwin—
dend wenige Schüler lautlich richtig, deutlich oder gar klangvoll sprechen
können. Wenn auch nur das für die Mehrzahl unserer Schüler erreicht
würde, so wäre das schon ein wichtiges Ziel. Nun müssen aber dazu noch
Klangfarbe, Klangstärke, Tonhöhe, Sprechdauer und äußerer wie innerer
Klangfluß (Rhythmus) dem Kunstwerke und seinen einzelnen Teilen ange—
paßt werden. Und dann müssen eingeübt werden Auftreten und Haltung,
            
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