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Armen damals — hing bleischwer am Arm, und die Schilder der Hüttenberg⸗
traße, die mich später so oft und freundlich zu gastlichem Wohlsein luden,
tlapperten garstig im Regenwinde, als wollten sie mich warnend verscheuchen.
So war mir zu Mute, als ich mich vorsichtig auf den mir als dem neuen
möblierten Herrn nunmehr anvertrauten Stuhle niederließ, inmitten eines
Raumes, der mit einem Bett, einer Kommode, einem Waschtisch und einem
jener unsterblichen Vertikos mit seinem kongenialen Staat von Nippes und An—
denken geschmückt war. Das Bett war etwas kurz und schmal; aber warum
hatte ich auch meine leiblichen Ansprüche an den mir als Individium zuerteil—
ten Weltenraum nicht ebenso auf ein normales Maß zurückgehalten, wie ich
neine allgemeinen geistigen und seelischen Erwartungen für Neunkirchen
zätte vernünftigerweise reduzieren sollen!
Solcher Art waren meine Betrachtungen, während ich am nächsten
Tage erwachte. Wenn das Bett nach dem schönen Sinnspruch eines unter
uns Deutschen noch lebenden Dichters das Schiff unserer Traumfahrten ist,
so muß ich gestehen, daß das meinige sich als durchaus seetüchtig und von
brauchbarem Tiefgang erwies. Und nachdem ich gar die Illusionen von
gestern mir tüchtig aus den Augen gewaschen, ward mir das Herz viel weni—
ger schwer. Denn schon fand sich die Morgensonne in meinem Kandidaten—
zimmer gründlich zurecht und tanzte bereits den gelanten Nippesschäfern
und -schäferinnen pfiffig auf der Nase herum. Da ließ ich den frischen Herbst—
tag durch das offene Fenster hinein — Oben auf der Höhe stand, wie mich
die Wirtin belehrte, grau mit roten Kanten das Realgymnasium, dem ich
überwiesen war. Die hohe Eingangstür in der Mitte war die Pforte, durch
welche ich in meinen Beruf eintreten sollte. Was lag hinter ihr? — Auf
den Höhen ringsum leuchtete es gelb in den Wäldern. Berge und Wald!
„Hier also“, dachte ich und ließ den Zucker in der schwarzen Tiefe meines
Morgenkaffees versinken. Heute war Empfang bei jenem dreimal Gestren—
gen, dem man höheren Ortes mit unserem pädagogischen Geschick auch unser
Schicksal überantwortet hatte.
In den Ecken und Winkeln etwas wie leises Knistern von Aktenbogen.
Klar und sorgsam, wie die Pflicht, schlägt die Uhr, dreimal in peinlich ge—
nauen Intervallen. In dieser Spanne hält die Zeit den Atem an. Der
Drücker folgt willenlos dem Drucke einer Hand und das Geheimste öffnet
sich. Sieben voll ausgewachsene Menschen von verschiedenem Glauben, von
oerschiedener Struktur sowohl des Leibes als auch des Geistes begeben sich
mit mehr höflich als demütig gesenktem Haupte und in allervornehmster
Häungart in das Verhängnis; sieben Schicksale junger deutscher Männer.
Zung von Glut, voll Eifer und Irren, voll Streben und Versagen, wie Du
einst gewesen. Wohl raschelte das Protokoll, wohl schlug der Glockenschlag
des Dienstes; doch schlug auch das Herz. Geborgensein wie in dem tieferken—
nenden Verstehen eines Vaters, der auch in den Schwächen noch das Gute
sieht und stärkt, des Sohnes Art und Wesen schützt, wenn fremder Unver—
ttand sein Bestes ihm benörgeln will — das haben wir Sieben erfahren.
Und dieses Gefühl des Geborgenseins ist köstlicher und wertvoller als alle
dozierte und gedruckte pädagogische Weisheit zusammengenommen; denn es
ist der Fruchtboden, in dem die selbständige Schaffensfreude wöchst.
Freude! Was könnte ohne Freude gedeihen? Gewiß! Da kommen
wieder mal die Jungen, die Unbeschriebenen! Man rückt wie zu kritischem
Zweifel an wohlumrandetem Rasenzwicker, man beobachtet durch scharf—