Full text : Das Haus Röchling und seine Unternehmungen

sam kräftigte sich so die deutsche Eisenindustrie, und
wenn sie auch durch die Einführung des Thomasprozesses
 eine gewisse neue Umwälzung und innere
Verschiebungen erfuhr, so trug doch auch dieses
neue Verfahren zu ihrer dauernden Kräftigung bei.
Indessen ging es dem englischen Roheisen, dessen
Menge weit über den Bedarf des heimischen Marktes
 hinausging und das, obgleich rings durch Schutzzölle
 von allen großen fremden Märkten ausgeschlossen,
 selbst ohne Zollschutz war, immer
schlechter. Englische Hochofenwerke begannen zu
veralten. Eine zeitgemäße Entwickelung von Groß-Detrieben
 fand nicht statt. Eine Ueberspannung
des Handkraftlohnes infolge von Klassenkämpfen
steigerte die Herstellungskosten. Beim geringsten
Nachlassen der Binnennachfrage sanken die Preise.
Die Bezüge nach Deutschland schwanden immer
mehr zusammen und mit ihnen der Geschäftsertrag.
[884 verdiente Ludwigshafen nur einen Ertrag von
3 Vomhundert des Unternehmungskapitals. 1885
waren die englischen Bezüge so klein geworden,
daß der regelmäßige Seeverkehr zu ihrer Einfuhr
nicht mehr lohnte. Da wurde die „Schmidborn‘“‘
nach England verkauft. Mitte 1886 erreichten die
englischen Roheisenpreise einen allgemeinen Tiefstand,
 wie er noch nicht dagewesen war. Häiämatite
kosteten 40 sh., schottisches Gießereieisen 37 sh.,
englisches 20 sh. Das waren Preise, die weit unter
den Herstellungskosten lagen. In dem Gefühle, daß
seinem Eisen die Welt gehöre, schuf England aber
immer weiter. So erreichten die englischen Eisen:
vorräte 1887 ihren höchsten je dagewesenen Stand.
In den öffentlichen Warrantslagern zu Glasgow,
Middlesborough und Cumberland lagerten damals
iiber 2,4 Millionen Tonnen Roheisen.
In Deutschland hatte die Anregung, welche die
Wendung der Zollpolitik gegeben hatte, namentlich
in Südwesten zur Gründung neuer Eisenwerke und
zur Erweiterung alter geführt. In Luxemburg und
in Lothringen begann man Gießereiroheisen in
größeren Mengen für den Markt zu erzeugen, und
ebenso in Niederrheinland-Westfalen. Diese Verschiebung
 der Erzeugungsverhältnisse bedeutete
auch einen Wendepunkt für die Firma Gebr. Röchling
 und Klingenburg. Die Grundlage ihres RoheEisengeschäftes,
 welche von jeher der Absatz von
englischem und schottischem Gießereiroheisen gebildet
 hatte, verschob sich vollständig. Der Vertrieb
deutschen Gießereiroheisens trat in den Vordergrund,
 sodaß es nur noch eine Frage der Zeit war,
ob die beiden Tochterniederlassungen in Großbritannien
 noch aufrecht erhalten werden konnten.
1886 waren endlich die Dinge soweit gediehen, daß
das Zweiggeschäft in Middlesborough aufgehoben
wurde. Die Niederlassung Glasgows unter Hohbachs
 Leitung blieb jedoch bestehen, da durch
die Ausdehnung des Absatzes von englischem und
schottischem Eisen in Italien und durch die 1882
gegründete Tochterniederlassung in Mailand sich
die Erhaltung einer Einkaufsstelle in Schottland
rechtfertigte. Von 1886 ab begannen in dem englischen
 Geschäfte wieder die Preisaufstiege, die bis
1890 anhielten. 1890 kosteten Hämatite wieder
82 sh. und schottisches und englisches Gießereiroheisen
 66 sh. Aber mit der grundlegenden Bedeutung
 der englischen Roheisenerzeugung für
Deutschland war es für immer vorbei.
Am 20. März 1884 trat der älteste Sohn des
verstorbenen Ernst Röchling, August Röchling, als
Prokurist in das Ludwigshafener Hauptgeschäft
ein. nachdem er längere Zeit in den Zweiggeschäf-
            
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