kanalisierung zusammenzubringen, verlief der Gedanke
im Anfang der neunziger Jahre infolge der
immer vertröstenden Haltung der preußischen Regierung
im Sande, und in der Tat behielt damals
Karl Stumm recht gegen Karl Röchling. Ende der
neunziger Jahre aber erhob sich dafür die Bewegung
für die Moselkanalisierung mit neuer Kraft,
wenn auch unter völlig veränderten Verhältnissen.
Mit Ausnahme des Hauses Röchling und weniger
Lothringer Eisenwerke wechselten dabei fast alle
Beteiligten die Kampfseite.
Die sämtlichen Berechnungen der Ersparnisse,
welche aus der Moselkanalisierung hervorgehen
könnten, welche 1889 und 1890 angestellt worden
waren, und zwar von Kanalfeinden wie von Kanalfreunden,
hatten auf der Annahme gefußt, daß
es vorteilhaft sein werde, am Niederrhein ein
Thomasroheisen zu erblasen, dessen Möllerung zu
zwei Dritteln aus Minette bestand, sodaß zu einer
Tonne Roheisen bei 33,3 Vomhundert Eisenausdringen
aus der Minette zwei Tonnen Minette nötig
würden. Da man die Frachtersparnis auf ı Tonne
Minette fast allgemein und mit einiger Sicherheit
auf 2 Mk. berechnete, so kam man am Niederrhein
auf eine Verbilligung der Tonne Roheisen
von 4 Mk., während für die Moselwerke die Verbilligung
der Tonne Roheisen höchstens 2,50 Mk.
betrug, da sie nur ıt Koks für sie zu beziehen
hatten und die Bergfracht auf dem Rhein zu ihren
Ungunsten ins Gewicht fiel. Somit war die Moselkanalisierung
für den Niederrhein ein erheblich
größerer Vorteil als für Lothringen. Bei der geringen
Entwicklung der Fertigerzeugung der Eisenindustrie
im Südwesten hatte ferner der Nordwesten
dessen Frachtersparnisse für Fertigerzeugnisse
nach der Seeküste überaus gering eingeschätzt.
Karl Röchling war überhaupt der einzige
gewesen, der diesen Faktor als bedeutsam in seine
Rechnung eingestellt hatte, da er von Pont-A-Mousson
her seine Bedeutung kannte. Mit der Ausdehnung
der Fertigerzeugung im Südwesten und
namentlich mit dem Bau einer Reihe mustergiltiger
Walzwerke in Lothringen und Luxemburg aber
änderte sich diese Betrachtungsweise, und diese
Erkenntnis trat in den Augen des Niederrheins
als vollwertiger Faktor in die Vorteilsberechnung
ein. Aber die tatsächliche Entwicklung gab auch
den Berechnungen des Minetteverbrauches am
Niederrhein nicht recht. Es wurde nirgends auf
die Dauer am Niederrhein Thomasroheisen erblasen,
dessen Eisen im Möller zu zwei Dritteln aus
Minetteeisen bestand. Im Gegenteil waren 25% und
30% die durchschnittlichen Minettezusätze, und nur
gelegentlich wurden einmal 40% erreicht. Dies ließ
sich auch nicht abstellen, da mit der Beimischung
größerer Minettemengen die Roheisenleistung des
einzelnen Hochofens ziemlich stark sank und dies
bei den steigenden Anlagekosten der Hochöfen
immer schwerer ins Gewicht fiel. August Thyssen
war der erste, dem diese Erkenntnis deutlich wurde.
Je mehr sie sich die niederrheinisch-westfälische
Eisenindustrie eroberte, desto mehr wurde es einleuchtend,
daß der Frachtvorteil, den die Mosel.
kanalisierung auf die Tonne Roheisen bringen
konnte, nur halb so groß war, wie man angenommen
hatte, sodaß der Vorteil, den Lothringen von ihr
haben würde, um eine Kleinigkeit größer sein würde
als der eigene. Daraus ergab sich von selbst eine
veränderte Stellungnahme zu der Frage der
Kanalisierung. Für diejenigen Kreise des
Südwestens, welche bis dahin die Moselkanalisierung
als den Nordwesten zu stark begünstigend,
bekämpft hatten, fiel dieser Grund weg. Für den
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