Full text : Das Haus Röchling und seine Unternehmungen

spielte auf das Gebiet der autonomen Frachtlaufpolitik
 des Königreichs Preußen hinüber, als die
Frage auftauchte, ob es geboten sei, zur Bekämpfung
 des französischen und belgischen Koksabsatzes
nach Ostfrankreich die preußischen Kokstarife einseitig
 für Frankreich zu ermäßigen. Dabei lagen
die allgemeinen Verkehrsinteressen der Röchlings
mindestens zu demselben Teile auf dem Wasser
wie auf den Eisenbahnen. Zu ihrem Banne stand
die halbe Schiffahrt des Saarkohlenkanals. Ihre
Kähne fuhren bis Hüningen, Paris, Lyon und Antwerpen.
 Auf dem Rheine fuhren ihre Dampfer und
die Schmidborn kreuzte selbst alle fünf Tage einmal
 die Nordsee. Für Pont-ä3-Mousson wurde eine
Wasserstraße erreicht, Völklingen wurde an die
kanalisierte Saar und Carlshütte an die unkanalisierte
 Mosel gebaut. Ihre Lebensinteressen
zwangen die Firma, sich für den Ausbau der Wasserstraßen
 ins Zeug zu legen. Sie wußten, in welchem
 Maße sich dadurch die Frachten der Staatseisenbahnen
 unterbieten ließen, deren Tarife sie
nicht wie Stumm allein vom Gesichtswinkel des
Staatshaushaltes betrachtete, sondern als eine Steuer
auf den Verkehr ansahen. Wenn diese Interessengegensätze
 sich in zwei bedeutenden Charakteren
verkörperten, so konnte es gar nicht fehlen, daß
sie zu persönlichen Zusammenstößen führten. Auf
der einen Seite die stolze Gestalt Stumms, welche
einen inneren Groll leicht in der Form der Geringschätzung
 des Gegners verlauten ließ, auf der
anderen Seite die knorrige Gestalt Karl Röchlings,
welcher alles andere verdiente und eher zu ertragen
 geeignet war als Geringschätzung und sich
als die aufsteigende, unfehlbar siegende und vielleicht
 überlegene Wirtschaftskraft fühlte. Nur um
den Preis heißer Kämpfe war zwischen den beiden
Erscheinungen zu einem erträglichen Verhältnisse
zu gelangen, zumal sich beide an persönlicher
Rücksichtslosigkeit nichts nachgaben, nur daß Karl
Stumm mehr zum Angriff neigte und Karl Röchling
 es liebte, seine Pfade zu gehen, ohne sich
sonderlich um den Gegner zu kümmern. Während
Karl Röchling sich fast ausschließlich ertragswirtschaftlich
 handelnd immer neuen Boden eroberte,
während er Firmen gründete und Eisenwerke baute,
griff Stumm oftmals zum Worte gegen ihn, mochte
er ihn nun nennen oder nicht. Wiederholt äußerte
er sich öffentlich, daß es, unverantwortlich sei, wenn
man bei der schlechten Lage der deutschen Eisenerzeugung
 immer noch vermehre und selbst neue
Werke baue. Und als sich die Röchlings dadurch
nicht abhalten ließen, in ihrem Vorwärtsschreiten
fortzufahren, da entschloß er sich, den unbequemen
Gegner dadurch lahmzulegen, daß er ihm sein
Werksgelände beengte. Durch einen Zwischenhänder
 Kuhn ließ er rund um das Völklinger Eisenwerk
 Grundstücke ankaufen, um so dessen räumliche
 Entwicklung zum Stillstand zu bringen, und
durch seinen Angestellten in Ueckingen ebenso
große Landflächen um das der Firma Gebr. Röchling
 gehörige Hofgut Cassion bei Diedenhofen, um
zu verhindern, daß aus diesem Gute ein großes
Werk gebaut werden könne. Karl Röchling antwortete
 mit den gleichen Maßnahmen. In Neunkirchen
 gelang es ihm infolge der eigentümlichen
Geländebesitzverhältnisse zwar nicht, Sperrgrundstücke
 zu erwerben, umso besser aber in Ueckingen,
wo er das Stummsche Hochofenwerk mit einem
Gürtel Röchlingschen Grundbesitzes einschloß. Die
Stummschen Ankäufe in Völklingen behinderten
zwar die Röchlingschen Fisen- ımd Stahlwerke
            
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