1V. HISTORISCHE ENTWICKELUNG DER
VOKALE.
KAPITEL 1.
DIE VOKALE DER BETONTEN SILBEN.
$ 46. Vorbemerkung. Bei der Betrachtung der
historischen Entwickelung der Laute ist im Wesentlichen
las Mhd. zum Ausgangspunkt genommen, da sich von diesem
Gesichtskreise aus die Wandelungen genügend beleuchten
liessen. Selten war es erforderlich weiter zurückzugreifen.
Hierbei kamen in erster Linie die md. (speciell mfrk.) Formen
in Betracht, soweit sie sich aus dem spärlichen Material feststellen
liesen. Denn die MMa. besitzt Denkmäler weder
aus älterer noch aus neuerer Zeit. Als sicherste Quelle
kommen (Braune, Beitr. 1, 2) die Urkunden in Betracht,
loch haben auf die geringe Zuverlässigkeit derselben schon
Braune selbst (a. a. 0. S. 8 f.) und Nörrenberg (Beitr. 9, 372)
hingewiesen, der auch die Weistümer ausschliesst. Sie sind
eher zur Sprachforschung eines grösseren Gebiets nützlich,
als eines einzelnen Ortes, Die mfrk. Gedichte aber sind
meist auf Mutmassungen hin, oft erst auf Grund der heutigen
Maa. lokalisiert, und auch diese sind nur Quellen für allgemeine
Sprachverhältnisse eines grösseren Gebiets (Nörrenberg
S. 372). Ausserdem stammen dieselben meist aus dem
nördl. Gebiet des Mfrk., mit dem zwar die MMa. eine enge
Verwandtschaft zeigt, sodass diese Quellen nicht von vorn
herein abzulehnen sind.