Full text : Der Karlsberg

ders fühlte, als für Louise. Doch war dies ja ganz natür—
lich, denn Tu warst ein Knabe und Louise nur ein Mäd—
chen! Als wir größer wurden, sagtest Du mir, daß ich nicht
Deine Schwester sei und Dich dennoch lieben dürfte. Wenn
mich dies auch überraschte, anfänglich recht traurig stimmte,
so fühlte ich doch, daß das Gefühl, welches mein Herz für
Dich bewegte, im Grunde dasselbe blieb, wenn es auch hei—
ßer in mir loderte, in der Brust mir heftiger pochte und die
Glut mir in die Wangen trat, wenn Du freundlich mit mir
redetest — trotzdem ich keinen Kuß mehr von Dir empfing.“
Nach einer kurzen Pause fuhr Elsa wieder fort: „Als ich
Dir dies sagte, da küßtest Du mich wieder, und ich gab Dir
Deine Küsse zurück, die mir eine Himmelslust bereiteten, das
Herz zu stärkerem Pochen, mein Blut zu heißem Wallen
brachten, so daß mir fast der Atem, das Leben ausging.
—A
für Dich, gleiche Lust erweckt mir Deine Nähe, Dein Un—
fangen und DTein Kuß. Doch sonderbar! — auch wenn
ich den jungen Offizier sehe in dem schönen grünen Rocke,
mit der weißen Weste, reich mit Gold benäht, den blinkenden
Helm mit dem Tigerfell und dem stolzen Federbüschel auf
dem Kopf — wenn er nur naht, mich anblickt — auch dann
schlägt mein Herz so stürmisch, so wild! und ich könnte ihm
an den Hals fliegen, ihn küssen, wie ich Dich küsse — viel—
leicht auch noch anders! Denn der junge Offizier scheint
mir viel lustiger zu sein, als Du es bist, der Du oft so
lange fern bleibst und dann immer so still, so ernst er—
scheinst. Nun weißt Du Alles! Ich habe Dir gebeichtet, wie
dem Herrn Pfarrer, und ist es Sünde, was ich gedacht, ge—
fühlt und gesagt, dann beging ich sie unbewußt — ich konnte
nicht anders! — und Duwirst sie mir vergeben, wie das
alte, gute Herrchen mir gewiß auch vergeben würde.“
Mit wechselnden Gefühlen war Henry dem langen Plau—
dern Elsa's gefolgt, einmal wollte er ihr entzückt um den
Hals fallen, dann wieder überkam ihn ein wehes Gefühl,
uͤber dessen eigentliche Ursache er im Augenblick nicht recht
klar werden konnte. Letzteres schien jedoch die Oberhand
behalten zu wollen, denn als das Mädchen geendet, blieb
er ruhig, und nur mit einem freundlichen Ernst vermochte
er zu sagen:
„Deine Seele ist noch immer rein, Elsa, nur vermag sie
die Wege nicht zu unterscheiden, welche zum Guten und zum
Bösen führen. Ohne eine sichere leitende Hand würden die
Triebe Deines Herzens Dich unbewußt, doch schnell auf einen
schlimmen Weg führen, was Gott verhüten möge. Höre mich
            
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