Kaum hatte Henry den lauten Schrei ausgestoßen, als
eine helle Kinderstimme bei dem Hause laut und frendig rief:
„Henry! — Lieb Mütterchen, da ist er, ich habe seine
Stimme gehört!“ Und sofort eilte die kleine Louise, von
der stillen bleichen Frau Duͤmmler gefolgt, auf die Stelle des
Gebüsches zu, wo der Schrei erklungen war. Ein doppelter
Freudenruf und der Knabe lag in den Armen der Mutter
und seines kleinen Schwesterchens.
„Da — da seht hin!“ waren die ersten Worte, welche
Henry hervorbringen konnte, indem er auf das Kind deutete.
das seit dem Erscheinen des Knaben zu weinen aufgehört
hatte und nun die fremden Gestalten mit seinen großen
Augen neugierig und nicht im Geringsten furchtsam be—
rachtete.
Jetzt erst wurden Frau Walpurga und die kleine Louise
auf das fremde Kind aufmerksam. Henry's Schwesterchen
stieß einen unterdrückten Angstschrei aus und flüchtete zu der
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dann aber trat sie rasch auf das arme Wesen zu, das ihr
ahnungsvoll die braunen nackten Aermchen entgegenstreckte,
während die Augen wieder anfingen, naß zu werden.
„Wer bist Du, Kind, wie kommst Du hierher?“ fragte
die Försterin hastig.
Die Kleine entgegnete Nichts, sie hatte die Frage wohl
nicht verstanden, oder nicht verstehen können, da die Leute
ihr fremd waren. Mit ihren großen schwarzen Augen schaute
sie die Frau unverwandt an und versuchte mit den Händchen
nach ihr zu greifen.
„Du hast wohl keinen Vater, keine Mutter mehr?“ fuhr
Frau Tümmler fort.
„Madre!“ sprach jetzt die Kleine mit einem fremdarti—
gen Ausdruck, dann schüttelte sie wie weinend den Kopf.
Das Mündchen wollte sie zu einem Weinen verziehen, doch
schon im folgenden Augenblick hob sie das Gesichtchen wie—
der, blickte die bleiche Frau freundlich, fast lächelnd an, und
indem das eine Händchen nach ihr langte, schien das andere
auf die kleine Louise zu deuten. Nun wurden eine MReihe
Worte laut, die Niemand verstehen konnte, und immer unge—
duldiger durchfuhren die Händchen die Luft, bis das Reden
endlich in ein bitterliches Weinen überging, das Kind sich
dabei heftig auf den Boden warf und derart zu schluchzen
begann, daß der ganze zarte Körper in ein konvullivisches
Zucken geriet.
Nun hielt sich Frau Tümmler nicht länger, mit raschem
Entschluß trat sie auf das Kind zu, und ohne Scheu vor