Full text : Der Karlsberg

Ter Herzog sprang vom Pferde, dessen Zügel er dem
Zigeuner ohne ein Wort der Erwiderung zuwarf, dann
eilte er mit raschen Schritten auf den bezeichneten Ein—
gang zu.
Noch hatte er den Fuß nicht auf die Schwelle gesetzt, als
die Thür aufflog und dem Ankömmling einen Blick in das
Innere der Thurmruine gestattete.
Ueberrascht, geblendet fuhr der Herzog zurück und ein
Juf freudigen Staunens entrang sich unwillkürlich seinem
Munde.
Was er sah war fremdartig und berauschend, er glaubte
ein Märchen zu erleben.
Der gewölbte Raum war von einem milden, rosigen Licht
und mit einem süßen Wohlgeruch erfüllt, wie ihn die Sinne
des Herzogs noch nie empfunden. Die bunten Teppiche des
Lagers, des Bodens, schimmerten in Farben, wie er sie
nie im Leben zu sehen gewöhnt. Auf dem Tische brannten in
silbernen Geschirren von seltenen Formen die hellen
Feuer die den duftenden Wohlgeruch und das rosige Licht
verbreiteten. Inmitten des zauberhaften Lichtglanzes stand
Jana, die Zigeunerin, in leichte Gewänder gehüllt und
phantastisch geschmückt einer dämonisch-schönen Fee ähnlich.
Ihr Feuerauge leuchtete dem Herzog verführerisch eni—
gegen und ihre roten schwellenden Lippen öffneten sich zu
einem Gruße sinnberückend, beglückend!
Mächtig schlug das Herz des Fürsten, dessen Blut wie
glühendes Feuer durch die Adern zu rollen begann.
Auch sein Auge strahlte Liebe und Verlangen, und sich
nicht mehr haltend, stürzte er auf das üppige verlockend
schöne Weib zu, preßte es leidenschaftlich in seine Arme
und küßte rückhaltlos die Lippen, welche ihm dargereicht
wurden und seine Küsse mit berauschender Glüth erwiderten.
Das war der Empfang, der Willkomm, den die Herrin
der Heimatlosen dem Fürsten bot.
Inzwischen hatte Uscha, das alte Zigeunerweib, mit dem
Kinde Janas, der kleinen Hanoscha auf den Armen die Rui—
neu verlaffen und kam auf ihrer Wanderung in die Nähe
des Louisenhofes. Hier schien ihr der Augenblick günstig,
um den Befehl Janas auszuführen. In einem Gebüsche
setzte sie das Kind herzlos aus und überließ es seinem
Schicksale.

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