482 —
„Louise,“ schrie Altheim plötzlich auf, er hatte sie
mit bangem Herzen gehört und die Stimme erkannt, den
Namen „Henry“ zu hören geglaubt, den sie ausgerufen. „Sie
ist ganz gewiß in Gesahr. Vorwärts und ihr zu Hilsfe!“
Im Folgenden Augenblicke krachte das Thor, der Lim—
hurger hatte es mit dem Balken eines hölzernen Kreuzes,
zas er in seiner Aufregung von seinem Standort neben der
Klosterpforte gerissen, gesprengt, und unter einem wahren
Höllenlärm stuͤrzte sich die nicht mehr zu bändigende Men—
schenmasse in das Gebäude.
Bald erhellten sich die Gänge, die Höfe, doch kein mensch—
liches Wesen wurde sichtbar; weder in der Kirche noch in
den Nebengebäuden fand man die Nonnen; das Kloster war
leer, wie ausgestorben. Toch nein! Jetzt erklang den
Suchenden deuütlich durch den wüsten Tumult und Lärm eine
zugendliche Frauenstimme. „Hilfse! — Henry!“ schrie es
wie in einer tötlichen Angst und Verzweiflung und schon
stürmten der Kapitän und Hans von Altheim dem Rufe
tach, in einer Ausregung, welche ihre Geistesgegenwart um—
düsterte, sie in dem ünbekannten, weitläufigen Gebäude irre
führen mußte.
„Louise, Louise, wir kommen!“ schrieen sie, daß es ängst—
lich durch die Gänge hallte, als sie die Stimme der Ru—
enden nicht mehr vernahmen. TDoch nichts antwortete ihnen,
als das entfernte wilde Toben der Menge, welche Thüren
und Fenster, Kisten und Kasten zerschlug, das Zerstörungs—
werk und die damit verbundene Plünderung begonnen hatte.
Eine wahre Todesangst überkam die beiden Männer, welche
schon Entsetzliches ahnten, fürchteten. Da plötzlich drang
die mächtige Stimme des Limburgers an ihr Ohr. „Hierher,
zu mir! — Gefunden, gefunden!“ So schrie es aus der
Ferne mit einem wahren Jubel- und Posaunenton und
Altheim und Henry flogen den langen, düsteren Gang
entlang. Eine Biegung, dann vernahmen sie die Stimme
des wackeren Jägers deutlicher, wie er schreiend und jubelnd
mit Händen und Füßen eine Thüre zu bearbeitem schien,
hinter der Louisens Rufe jetzt deutlich zu hören waren.
Aufwärts ging es jetzt, eine schmale Treppe bis unter
das Tach; hier leitete ein enger Gang an der Giebelmauer
entlang zu einem der Ecktürmchen des Gebäudes und dort
— ah! — strengte der Limburger all' seine Kräfte an, eine
schwer mit Eisen beschlagene Thür zu sprengen, welche zu
dem kleinen gefährlichen Kerker führte, in den die sehr
ehrwürdige Mutter des Klosters die arme Schwester Regina
noch vor ihrem Abzug höchst eigenhändig eingesperrt hätte.