Full text : Der Karlsberg

399 —

Am anderen Morgen, nachdem der alte Zigeuner den
Heimweg nach dem Karlsberge angetreten, schickte
auch Henry sich an, das Haus und seinen jungen Freund
zu verlassen.
Sein Kommen, die Worte, welche er zu Altheim ge—
sprochen, hatten diesem einen ganzen Himmel voll Hoff⸗—
nung und Glück erschlossen und wie neu geboren fühlte sich
der arme Hans, der schon Alles verloren gegeben.
Vor dem Hause hielt ein Knecht das gesattelte Pferd
und auf der Schwelle umarmten sich die beiden Freunde in
inniger Weise. Nach Frankreich, nach Paris wollte Henry,
um der Revolution seine Kräfte zu weihen, für deren Grund—
sötze er sich begeistert, von der er für Alle, die er
liebte, Hilfe, für die ganze Menschheit Freiheit und Glück
erwartete.
Wenn Altheim nicht solche weitgehende Hoffnungen
zu teilen vermocht, so hatte er doch die Ueberzeugung er—
langt, daß die Bewegung in dem Nachbarlande, deren Wo—
genschlag immer mächtiger wurde, immer weiter sich aus—
hreitete, auch sein Vaterland, die Pfalz, heimsuchen und hier
Veränderungen hervorrufen werde, die ihn das ersehnte und
schon aufgegebene Ziel erreichen lassen könnten. Nur der
Gedanke an die religiösen Gesühle Louise's trübte diese
freudigen Aussichten.
„Wird das Mädchen stark genug sein, sich über das ab—
gelegte Gelübde hinwegzusetzen, selbst wenn die
Welt es als nicht bindend und aufgehoben erklären sollte?“
Dies war die Frage, welche ihm die Ruhe der Nacht ge—
raubt, und die er endlich vor dem Abschied dem Freunde,
dem Bruder vorlegte.
Henry blickte den Zweisler erstaunt eine Weile an,
denn sprach er mit erhobener Stimme und siegesgewissem
Blick

„Das Herz meiner Schwester ist so rein wie ihre Fröm—
migkeit und deshalb muß sie Lug und Trug verabscheuen.
Ersährt sie eines Tages im entscheidenden Augenblick, daß
man ihren Sinn, ihren Entschluß durch unwürdige Lügen
geblendet und herbeigeführt, hat sie dann zu wählen zwi—
schen Jenen, die sie in den heiligsten Gefühlen betrogen,
die sie dafür verabscheuen muß, und einem Herzen, das sie
treu und unter den schwersten Prüfungen geliebt, dann
kann sie nicht schwanken. Sie wird Dein und Euer gehört
die Zukunft, das höchste Glück der Erde!“
„Der Himmel gebe, daß Deine Worte Wahrheit wer—
den!“ rief Altheim mit leuchtendem Blick und einem Ton,
            
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