Full text : Der Karlsberg

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Henrh verstand sie und wandte seine Schritte dem durch die
Draperien geschlossenen Raume zu, den er bis jetzt noch nicht
betreten.
„In Deinem Glauben wurde sie aufgezogen,“ sagte die
Zigeunerin fast tonlos, „in Deinem Glauben starb sie; in
Teiner Weise bete für die Ruhe ihrer armen
Seele. Tu hast sie geliebt und ihr verziehen, Dein Gott, der
ein Gott der Liebe sein soll, wird Dein Gebet erhören und
der Toten auch verzeihen.“
An dem kleinen Erdhügel, der sich inmitten des eigen—
tümlich düsteren, geschmückten Raumes erhob, kniete Henry
nieder, betete für die arme Elsa, während seine Augen sich
mit Thränen füllten, die er ungehindert fließen ließ.
Lange weilte er an dem Grabe, die Erinnerung an seine
schöne Jugendzeit, an seine, ach! so herrliche und doch so
arme — einzige Liebe hielt ihn dort gefesselt, da vernahm
er plötzlich Jana's Stimme.
„Jetzt komm'! es ist Zeit,“ sagte sie in weichem Tone.
Dann nahm sie ihn bei der Hand und führte ihn hinaus
aus dem Zelte, durch den Park, die bereits weit geöff—
nete Plankenwand der Karlslust und weiter, den bewalde—
ten Abhang hinab.
Im Thale harrte ein Reiter mit zwei Pferden. Es
war ein älterer Mann mit tiefgebräuntem Gesicht, doch
in bürgerlichen Kleidern, ein Zigeuner, den Jana als Be—
gleiter Henry's ersehen.
„Gallando,“ sagte sie in ruhiger, doch befehlender
Weise zu dem Manne, „Dir, Deiner Sorge übergebe ich
ihn. Du begleitest ihn heute bis an sein Ziel, dann so
lange und wohin es ihm beliebt.“
Nun wandte sie sich an Henry, ergriff seine Hand und,
mit einer Stimme, die rauh, fast wild klang, doch wohl
nur in Folge des Kampfes mit einem weicheren Gefühle,
sagte sie:
„Leb' wohl — für immer! und Dank für die Treue,
welche Du der Toten gehalten. Sollten wir uns nicht
mehr wiedersehen — gedenke unserer auch ferner — in
Liebe. Lebe wohl! —“
Damit kehrte sie sich ab, und ohne eine Antwort ab—
zuwarten, eilte sie in den entlaubten Wald zurück, die
Höhe hinan und war bald den Blicken Henry's, der dem
armen Weibe, der büßenden Mutter, tief ergriffen nach—
geschaut, entschwunden.
Endlich ermannte er sich. In seiner Seele tauchten
andere Bilder auf; er sah seinen Vater, die Schwester,
            
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