Full text : Der Karlsberg

384

„Ich lüge nicht!“ unterbrach Jana mit einer mächtigen
Bewegung den fast Sinnlosen. „Die alte Uscha legte unser
Kind dem Förster vor die Thür, welcher es aufnahm und Elsn
nannte. VBoch hebe Dich hinweg von dieser Stelle,“ fuhr
sie mit wachsendem Grimm fort; „berge Dich vor Deinen
Gedanken, wenn Du es kannst. Ich fluche Dir nicht, noch
Deinem elenden Herrn, dem feigen Waäiber—
mörder, ich habe kein Recht mehr dazu, denn auch ich bin
schuldig. Ich habe mein Kind herzlos mit Füßen von mir
gestoßen, dafür hat es die Mutter unter die Hufe ihres Pfer—
des geworfen, meine Strafe hat mich schon getroffen —
Euch wird sie erreichen! Ihr könnt ihr nicht entgehen. Jetzt
fliehe! denn nie dars mein Auge Dich mehr sehen, nie mehr
mein Mund zu Dir reden. — Fliehe!“
Wie von einem namenlosen Entsetzen erfaßt, gepeinigt
und getrieben, war Destner zurückgewichen und, noch bevor
Jangd ihre letzten Worte gesprochen, dem Saale enteilt.
Jetzt wandte sich die Zigeunerin zu dem noch immer
regungslos am Boden liegenden Henry. Sie erfaßte seine
Haͤnd, hob seinen Kopf auf ihre Kniee und untersuchte seinen
Zustand. Das Herz schlug stark und fieberhaft stürmte der
Puls, am Kopfe bemerkte sie bald eine Wunde, der das
Blut, wenn auch in geringer Menge, doch unaufhaltsam
entfloß.
Rasch erhob sich Jana und eilte der Saalthür zu. Ein
leiser Ruf, und im solgenden Augemblicke standen die beiden
Zigeuner ihr zur Seite. Sie erhielten einen Auftrag und
verschwanden wieder, dann hörte man, wie die Hausthür
rasch geöffnet wurde.
Jana kehrte zu dem Bewußtlosen zurück.
Noch war sie beschäftigt, das aus der Kopfwunde flie—
ßende Blut zu stillen, als der Saal sich lautlos mit einer
Anzahl Zigeuner füllte, die zwei Gegenstände trugen, rohen,
aus jungen Baumstämmen zusammengebundenen Bahren
ähnlich.
Wenige Augenblicke später setzte sich ein Zug aus der
Eremitage durch die Nacht in Bewegung, der etwas Ge—
spenstiges hatte. Auf der einen Bahre lag, von einem
schwarzen Tuch bedeckt, ein tvoter, enthaupteter Körper, auf
der anderen ein Fieberkranker, neben dem Jana, die Zi—
geunerin, einherging. —
Als mit beginnendem Tage die vertrauten herzoglichen
Diener, welche der geheimnisvollen nächtlichen Exekution
beigewohnt hatten, die Eremitage betraten, um die Leiche
der Enthaupteten, erhaltenen Befehls zusolge, im Wald—
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.