Full text : Der Karlsberg

364

sind vernehmbar. Der entscheidende Augenblick naht — er
ist da! sagt sich Elsa, denn man hätte sie nicht in das Ge—
wand der Trauer, der Büßenden gekleidet, wenn das, was
man von ihr verlangt, nicht noch heute — oder vielleicht
—
richten, doch ihr Körper schwankt, und ohne eine Anstreng—
ung zu machen, um sich zu halten, läßt sie sich auf den
Boden — auf die Knie niedergleiten. Jetzt entfließen ihren
Augen Thränen, die das Weh, welches gleich eisernen Ban—
den ihr Herz umschnürt hält, lösen und tief aufsatmend, die
Hände gefaltet, spricht sie:
„Ich habe gesündigt — schwer gesündigt an den Mein—
igen — an Allen, die mich liebten, die mir nahe standen.
Herr vergieb mir! richte milde meine Fehler, die ich
erkenne — meine Sünden, die ich bereue, und erlöse mich
gnädig von diesem Bangen, das entsetzlicher ist, als der
Tod — befreie mich aus der düsteren Oede, die grausiger
ist, als das Grab!“
Ein letztes „Amen!“ erstirbt gauf den Lippen der Beten—
den, die, wie von einer Ohnmacht erfaßt, mit dem Gesicht
zu Boden fällt.
Nun wird es stille in dem düsteren Gemach, doch dafür
ertänen draußen wieder Schritte, viele Personen müssen es
sein, die langsam die Treppe ersteigen.
Elsa hört es nicht; ist ihr die Besinnung wiedergekehrt,
so betet sie wohl noch leise fort.
Wieder erlischt eine Kerze mit leichtem Aufflackern, die
letzte brennt düster, auch sie wird in wenigen Augenblicken
erloschen sein.
Draußen auf dem Flur ist es noch immer nicht ruhig
geworden, doch jetzt nähern sich Schritte; von der Treppe
steigen sie nieder, hastig, fest, und wenden sich dem Zimmer
zu, wo Elsa am Boden liegt.
Das Schloß knarrt, die Thüre öffnet sich und auf der
Schwelle erscheint ein Mann in einem langen schwarzen
Mantel gehüllt, eine Maske vor dem Gesicht.
Einen Augenblick schaut er auf die am Boden Liegende,
das Gesicht zeigt unter der Maske ein häßliches Laͤcheln,
dann aber fährt die Hand nach dem Herzen, als ob sie eine
jäh dort aufgetauchte Bewegung hemmen und bannen wolle.
Die Lippen verzerrten sich wie zu einem unwilligen Fluch,
das Antlitz nimmt seinen finsteren Ausdruck wieder an, die
Maske fällt und Testner spricht:
„Stehe auf, es ist an der Zeit!“
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.