Full text : Der Karlsberg

362

So schien eine innere Stimme ihr zu sagen, als Antwort
auf ihr Jammern und Klagen.
„Und konnte ich anders?“ rief es jetzt mit einem wilden
Aufschrei aus ihr hervor. „Was leitete mich und mein Thun?
— Wer ließ mein Blut heißer durch meine Adern rollen,
als das der kälteren Schwester? Wer gab mir glühendere
Begierden, den unbändigen Trotz, die kecke freche Lust? Wer
legte die wilden, unbezähmbaren Triebe in meine Brust, die
so lange schlummerten, um dann so jäh und mächtig zu er—
wachen, um mich Alles das vollbringen, begehren zu lassen,
was mich verdammt — bierher geführt? — Ronnte id
nicht anders handeln? Nein! Es wäre gegen die Natur und
über meine Kräfte gewesen. Es mußte also kommen und
nun werde ich — nur ich, die Folgen zu tragen haben!“
Zuckend sank, nach dieser letzten verzweifelnden An—
strengung ihr Oberkörper in sich zusammen, und die Hände
vor das Gesicht geschlagen, blieb die Aermste eine lange —
'ange Weile regungslos in ihrem Sitz liegen.“
Wieder war eie der Kerzen abgebrannt, erloschen,
andere waren dem Erlöschen nahe.
Langsam minderten sich die Flammen, sie wurden klei—
ner, trüber, erstarben endlich mit einem letzten Aufflackern
und nur der kohlende Tocht zeigte noch eine kleine Weile
ein Fünkchen, das dann auch erlosch. Immer weniger wur—
den der Kerzen und immer düsterer erschien das langge—
streckte Gemach, dessen Enden bereits ein unheimliches Täm—
mern barg. Die Nacht mußte schon weit vorgeschritten sein.
Elsa achtete nicht darauf — sie sah es nicht, denn un—
beweglich ruhte sie noch immer in ihrem Sitze, die Augen
mit den Händen geschlossen. Doch war sie ruhiger gewor—
den und vermochte den Faden ihrer Gedankem wieder auf—
zunehmen.
„Meine Eltern! — Wer sind meine Eltern? — leben
sie noch, haben sie Kenntnis von dem Dasein, dem Schicksal
ihres Kindes?“ so fragte sie sich und bereits schon wieder
mit steigender Erregtheit. „Oft hatte mir Henry erzählt,
wo und wie er mich gefunden — ich soll etwa drei Jahre
oder noch älter gewesen sein — ich weiß nichts mehr von
meiner frühesten Jugend und was mit mir geschehen, ehe
ich in den Wald gekommen. Unter anderen fremden Men—
schen muß ich geboren worden sein, meine ersten Jahre zu—
gebracht haben, denn Worte, meinen neuen Eltern unver—
ständlich, wußte ich zu stammeln. Ich habe sie vergessen —
nie mehr daran gedacht. — Toch nein! Jüngst, vor einigen
Tagen, bei dem dollen Ritt durch die Karlsluft, da rief mir
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.