339
Der Ton der Rede hatte auf den Anderen sichtlich er—
kältend gewirkt. Er blickte anfänglich recht traurig zu Bo—
den. Doch bald hob er den Kopf wieder, und das Aeußere
seines Gastes musternd, sagte er mit leisem Vorwurf:
„Noch immer gleich zurückhaltend wie vor Monden.
trotz Ihrer damaligen Versicherungen, trotzdem Sie wäh—
rend dieser Zeit, wie ich sehe, auch einer der Apostel der
Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit geworden sind? Doch
gleichviel!“ fuhr er herzlich wie früher und mit freude—
strahlendem Blick fort. „Ich danke dem Himmel, daß er
Sie zu uns geführt — gerade jetzt uns zugeführt. Nun
—DV
scheidenes Heim und lassen Sie mich Ihnen berichten!“
„Sie haben also Nachrichten von meiner Schwester und
meinem Vater?“
„Beide weilen in der Nähe, in Gräfinthal. Kommen
Sie, drinnen sollen Sie Alles erfahren, was geschehen.“
Nachdem Herr von Altheim einem Knecht Befehl ge—
geben, für den müden Gaul seines Gastes zu sorgen, eilte
er rasch voran in das Haus. Henry folgte ihm, uuind bald
saßen die beiden jungen Männer vor einem Tisch, auf dem
Speisen und Wein standen, die der Hausherr hatte auf—
tragen lassen. Henry, der am Nachmittage scharf zugeritten
und keine Einkehr mehr gehalten, langte zu und Herr
von Altheim erzählte.
„Sie können sich meine Freude kaum vorstellen, welche
mich erfüllte, als ich etwa eine Woche nach meiner Ankunft
dahier, die Flinte auf der Schulter, die Gegend durchstrrifte,
um einen Braten für meine Küche zu schießen und bei dieser
Gelegenheit ganz unerwartet Ihren Vater fand. Es war
dicht bei dem Kloster Gräfinthal, kaum ein halbes Stünd—
chen von hier, in einem kleinen Häuschen, das er bewohnt.
mit einem Begleiter, dem Limburger, der Ihnen wohl auch
auf dem Karlsberge unter dem Beinamen der „wilde Jä—
ger“ bekannt gewesen sein wird. Dieser hatte mit einer
ührenden Treue für den alten Mann gesorgt, eine wahre
Lvast Hausgeräte mit hierher geschleppt und das Häuschen
J dem Gärtchen, wo Beide sich eingerichtet, sofort ge—
kauft.“
„Doch meine Schwester? — Sie erzählen mir nichts
bon ihr,“ unterbrach Henry den freudig erregten Bericht
Altheim's.
Dieser antwortete vorerst nur durch einen Seufzer, seine
Züge wurden ernst, und mit einem andern, merklich herab—
gestimmten Ton fuhr er fort: