Full text : Der Karlsberg

337 —

Fünftes Kapitel.

Im7,Melae“ zu Queichheim.

Der Leibarzt hatte die Wunde Seiner Durchlaucht un—
tersucht und sie im Grunde höchst unbedeutend gefunden, doch
erklärte er mit ernstem Gesicht, doch wohl nur um die
Wichtigkeit seiner Person und Hilfe in das rechte Licht zu
stellen, daß sie, wenn auch nicht lebensgefährlich, doch be—
sorgniserregend sei. Salbungsvoll pries er den Zufall, oder
ein gütiges Geschick, das über gekrönten und gesalbten
Häuptern sichtlich wache — wie sich dies ja vor ungefähr
dreißig Jahren in Frankreich gezeigt, als der verruchte Da—
miens sein Federmesser auf Ludwig den Fünfzehnten, den
Vielgeliebten gezückt — denn wäre die Klinge nur wenige
Linien oder gar einen Zoll mehr seitwärts eingedrungen, so
wären im ersteren Falle die Knochen der Rippe verletzt, im
letzteren direkt das hochfürstliche Herz getroffen worden. Die
Frauen schauderten pflichtschuldigst bei dieser entsetzlichen
Eröffnung, doch aus der Sophaecke, wo die kleine und doch
so große Verbrecherin an Händen und Füßem gefesselt lag,
drang ein höhnisches Wort, wie ein Mißton in diese so
überaus loyalen und passenden Beileidsbezeugungen. Der
Herzog erbleichte, die Frauen und der Arzt waren starr
vor Schrecken und wußten nimmer den rechten Ausdruck
für ihre allertiefste Entrüstung zu finden. Da nahte Melanie,
velche nach einem frischen Schlafrock ausgeschickt worden
war, und die Aufmerksamkeit wandte sich wieder Seiner
Turchlaucht zu. Die Wunde war notdürftig verbunden, das
Blut längst gestillt, und nun verließ der Herzog den un—
glücklichen Papageien-Salon.
Mademoiselle Melanie erhielt den Auftrag, bei der
vehrlosen Gefangenen zu weilen, so lange bis Destner
kommen werde, diesen alsdann sofort in die herzoglichen
Appartements zu senden.
„Melanie!“ könte es leise aus der Sophaeecke hervor.
„Was befehlen Madame?“ entgegnete die Französin gut—
mütig, doch nicht ohne einen leisen Anflug von Spott.
            
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