Full text : Der Karlsberg

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ihrer scheinbar unklugen oder nicht recht verständlichen Hand—
lungsweise ihre gehelmen Gründe haben. Und dies war der
Fall. Toch behielt sie dieselben vor der Hand wohlweislich
für sich, und damit sie nicht in die Lage käme, über ihr
Wagnis sich in die Höhle des Löwen oder vielmehr der
Löwin zu begeben, Rede und Antwort zu geben, so zeigte
sie sich Niemandem, blieb daheim und verkehrte nur mit
Denjenigen, die in ihr kleines Geheimn's eingeweiht waren.
Es war jedoch hauptsächlich nur eine einzige Person und
zwar unsere alte Bekannte, die würdige Kleidermutter. Ma—
dame Agnes Müller, welche sich gleich bitter, wie ihre vor—
nehme Vertraute, Frau Juliane, über die neue Favoritin
und ihr rüchsichtsloscs Vorgehen zu beschweren hatte.
Mutter Agnes befand sich schon den ganzen Abend bei
Frau von Esebeck, hatte dieser die wichtigsten Ereignisse des
Tages, das Schicksal Destner's, des neuen Opfers der
schwarzen kleinen Hexe, mitgeteilt, und nach langer, gewissen—
hafter Beratung war das Brieschen an den gestürztern
Günstling geschrieben und abgesertigt worden: in ihrem
würdigen Bunde sollte er der Dritte sein, die Hauptperson
ihres geheimn'svollen Unternehmens werden.
Als Testner, von der Zofe geleitet, in das trauliche,
doch auch äußerst reiche Boudoir der Frau von Esebeck trat,
fand er zu seinem Erstaunen Madame Agnes auf dem
Ehrenplatz des seidendamastenen Sopha's, vor sich eine
große Sevres-Kaffeekanne und die Tasse gefüllt mit dem
aromatisch duftenden braunen Trank, während Kuchen und
Backwerk zu ihren beiden Seiten in einladender Weise auf—
gehäuft lagen.
Doch ach! wie war die würd ge Kleidermutter seit den
wenigen Wochen, wo sie der Fuß ihres undankbaren Zög—
lings so unsanft bei Seite gestoßen, herabgekommen! wie
bemitleidenswert sah die Aermste aus! Die Wangen ein—
gefallen, hohläugig, trotz der vortrefflichen Schminke, die
Toilette vernachlässigt, die Bändec der Haube zerknittert,
letztere selbst sogac ein Weniges schief auf dem grauen
Kopfe, so saß sie da! Es war ein Bild zum Erbarmen, das
Destner zu einer anderen Zeit ganz gewiß ein spöttisches
Lächeln abgenötigt haben würde, er jetzt aber mit be—
dauernden, sympathischen Blicken begrüßte.
Frau von Esebeck ging auf den Eintretenden zu, reichte
ihm erregt und mit vertrauter Freundlichkeit die beiden
Hände und sagte dann mit einem gewinnenden Lächeln:
„Willkommen, Destner! Allds Frühere sei vergeben
und vergessen, unser gemeinschaftliches Unglück hat es wett
            
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