230
dunklen Walde? Er hatte ein Messer und schon griff er
suchend in die Taschen seiner Kleider, doch vergebens; er
fand es nicht. Tie Waffe mußte wohl unbewußt seiner Hand
entfallen sein, als das entsetzliche Weh über ihn gekommen
war — oder hatte er sie beim Beginn der Jagd verloren.
Er fand sich wehrlos und rettungslos einem furchtbaren
Tode geweiht, wenn er dem Ungetüm nicht zu entfliehen
vermochte. Und immer näher kam es heran, immer ver—
nehmbarer wurde sein Keuchen — er glaubte in seiner
Erregung schon den heißen Atem der Bestie in seinem
Nacken zu spüren. Auch das Brüllen wurde jetzt nicht
allein stärker und wütender, sondern wiederholte sich oft—
mals rasch nach einander, ein Zeichen, daß das Untier
sein Opfer spürte und mit all' seiner wilden Gier es zu er—
reichen strebte. Und allein konnte die Bestie nicht sein, ihre
Wärter folgten ihr gewiß, hatte das Tier den Flüchtling
erreicht, so waren auch sie zur Stelle und eine Rettung
nicht mehr möglich.
Für den Armen waren es entsetzliche Augenblicke, er
erlahmte indessen nicht, sondern mit aller ihm innewohnen⸗—
den Kraft arbeitete er sich immerfort weiter voran. Die
furchtbare Aufregung schien seinen Sehnen neue Stärke zu
geben, denn auch die jungen Bäume knicken jetzt auf seinem
Wege, und an freien Stellen flog er mit der Schnelligkeit
eines gehetzten Wildes dahin. Doch immer wieder umfing
ihn weues dichtes Gestrüpp. Er mußte in den wildesten
Teil des Parles geraten sein; so lange er auch schon lief,
noch war er auf keinen einzigen Weg gestoßen. Eine Weile
konnte er eine solche beschwerliche Flucht schon
noch aushalten, einmal aber mußten doch die Kräfte schwin—
den und dann war es vorbei mit ihm. Sein Feind hatte
ihn erreicht und unter seinen Krallen fand er seinen Tod,
Entsetzlicher Gedanke!
Toch ohne Aufenthalt ging es weiter. Ah! Ein Weg!
Wenn auch in Dunkel gehüllt und kaum erkennbar, so konnte
die schmale Lichtung, welche sich weit zu beiden Seiten hin—
zog, nur ein Weg sein und jetzt gab es keine Hindernisse
mehr. Ohne langes Sinnen bog Henry nach der Seite
ab, die scheinbar thalwärts führte und mit Windeseile flog
er jetzt auf dem weichen, bemoosten Boden des wohl wenig
betretenen Waldpfades dahin. Toch nun spürte er auch eine
Ermattung, die Kniee brachen ihm plötzlich ein und zugleich
vernahm er hinter sich auf dem Wege das Schnaufen und
Brüllen des Bären. Er hörte jetzt sogar das schwerfällige
Tappen des Ungetüms auf dem Boden und wie es gleich⸗