Full text : Der Karlsberg

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Es kostete indessen weit mehr Anstrengung, als er anfäng—
lich gedacht, doch sein eiserner Wille, seine Beharrlichkeit.
siegten, und noch war der junge Tag nicht gekommen, da
fand er sich am heißersehnten Ziel. Der Stein war ringsum
frei, locker, und nur von der eigenen Schwere gehalten,
ruhte er in der ihm von dem Maurermeister gegebenen Lage.
Zum Fliehen jedoch war es zu spät, denn seine heimliche
Entfernung hätte man, da der Morgen nicht mehr ferne,
nur zu bald bemerkt und ihn dann auch gewiß in der um—
zäunten, streng bewachten Karlslust wieder eingefangen.
Wollte er auf einen glücklichen Ausgang seiner Flucht
rechnen, so mußte er die Nacht dazu benutzen und sich bis
dahin noch einen vollen Tag in seinem Kerker gedulden.
Einmal zu dieser Ueberzeugung gelangt, fügte er sich ohne
Murren. Noch versuchte er den Stein zu heben. Es ge—
lang, wenn auch mit Anstrengung, so brachte er ihn doch
so weit in die Höhe, daß es nur an ihm gelegen hätte,
ihn ganz aus dem Gewölbe zu entfernen. Doch er be—
zwang sich, schloß die Oeffnung wieder und stieg dann, durch
die Aussicht auf das glückliche Gelingen seines Vorhabens
gestärkt, zu seinem Strohlager nieder, auf das er sich warf,
um zu schlummern, neue Kraft zu sammeln für die Arbeit
der nächsten Nacht.
Noch einen ganzen Tag in dem ekelhaften Aufenthalt,
in der entsetzlichen Gesellschaft der wilden brüllenden Be—
stien! Auch er wird vergehen, wie die beiden vorhergehenden
Tage vergingen und ruhiger darf der Gefangene sein,
denn nach diesen Stunden, deren immer weniger werden,
wird er frei und darf zu dem Vater, zu der Schwester und
— zu ihr! zu dem Mädchen, um das er dies Alles duldet,
das er so unsäglich liebt, zurückkehren. — Elsa! tönt es
in seinem Herzen und eine selige Wonne durchglüht ihn.
Doch nun auch ein Bangen, das er bis jetzt bei dem Denken
um sein Liebchen nie empfunden, das ihm bald die stille
Lust zu verscheuchen droht. Er ahnt eine Gefahr, die er
verachten will und dennoch zu fürchten beginnt. Er sieht
den schmucken Offizier, der sich um das schöne Mädchen so
keck bemüht, malt sich Elsa's Verhalten bei seiner letzten
Begegnung mit ihr in immer grelleren Farben aus. Und
jetzt ist sein Rival frei, im Augenblick wohl gar auf dem
Louisenhof — bei ihr, während er, Henry, in diesem scheuß—
lichen Kerker gefangen sitzt!
Ah! der Arme fühlt plötzlich einen Schmerz, der ihm
das Herz durchwühlt, die Zähne aufeinander pressen läßt
vor Weh, doch auch vor toller Wut. Zum ersten Mal
            
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