Full text : Der Karlsberg

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Wärter, wie Kamozky, konnten demnach jeden Augenblick
in die weite offene Zelle des Gefangenen sehen und was
dieser treibe. Henry mußte zu seinem heimlichen Thun
die Nacht abwarten und er fügte sich.
Endlich — endlich war sie gekommen, die stille Nacht
mit ihrer Ruhe, doch nicht mit ihren tiefsten Schatten, denn
noch immer stand der volle Mond an dem fahlblauen Fir—
mament. Glücklicherweise lag das Innere des Stalles der
Mondscheibe abgekehrt und in tiefem Dunkel; die beiden
Wärter schliefen. Doch auch die Bestien ruhten und kein
Gebrüll kam seiner Arbeit zu Hilfe. Größte Vorsicht war
notwendig und Henry beobachtete sie. Eine Stiege zum
Gewölbe hatte er sich bereits in den Fugen der Quadern
herzustellen gewußt und mit leichter Mühe vermochte er nach
oben zu gelangen. Jetzt knirschte das Messer zwischen den
Steinen. O Glück! Der Mörtel war locker und das Ge—
räusch, welches sein Bohren und Kratzen verursachte, kaum
zu hören. Stieß dann und wann eine der Bestien ein
kurzes Gebrüll aus, das von den übrigen Bären beantwor—
tet wurde und mußte Henry fürchten, daß der Wärter mit
seiner Laterne erscheinen würde, um nachzusehen, was seine
vierbeinigen Pfleglinge so in Unruhe versetze, so warf er sich
auf das Stroh nieder und stellte sich, als ob er schliefe.
Doch solche Vorsichtsmaßregeln erwiesen sich als unnötig,
denn die beiden Zigeuner kümmerten sich nicht um etwas
mehr oder weniger Gebrüll der Bären, sie waren ja daran
gewöhnt und wußten auch ihren Gefangenen in sicheren Ver—
wahrsam.
Henry arbeitete die ganze Nacht und als er sich mit
dem ersten Lichte des neuen Tages erschöpft auf sein elen—
des Lager warf, unter dessen Stroh er den entfernten Mör—
tel gestreut hatte, da war ein gut Stück Arbeit gethan.
Noch eine Nacht und er durfte hoffen, den nicht kleinen Stein
freigelegt zu haben und nach oben aus dem Gewölbe ent—
fernen zu können. Da die Fläche des Steines Oben breiter
als unten sein mußte, so war keine Gefahr vorhanden, daß,
wenn er einmal vollständig locker sein würde, niederstürzen
und so sein Thun verraten könne. Es galt dann noch, die
nötige Kraft zu finden, ihn nach oben zu drücken und aus
seiner Lage zu entfernen.
Die Oeffnung war breit genug, um hindurchzukriechen
und dann — war er frei.
Dieser Gedanke gab ihm Kraft und Mut, den zweiten
Tag seiner entsetzlichen Gefangenschaft zu ertragen und auch
in dieser Nacht an seinem Befreiungswerk weiter zu arbeiten.
            
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