—
132
an uns denken, wir wollen unser bescheidenes Abendmahl
verzehren — unsere Kräfte werden wir notwendig haben.“
Trotzdem aßen Beide kaum einige Bissen — der Vater
hatte mit seinen letzten Worten wohl nur dem Mädchen
Mut einflößen wollen! Auch hofften sie noch immer, daß
die Entschwundene wiederkommen, plötzlich in die Stube
treten würde. Doch es war vergebens!
Der Abend verging und die Nacht, der Morgen kam
heran, und Elsa war gar nicht zurückgekehrt. Da endlich
sagte der alte Dümmler zu seiner Tochter: „Jatzt ist's an
der Zeit! Wir müssen fort, wenn wir sie nicht für immer
vcrlieren wollen. Komm, mein Kind!“
DTas Mädchen reichte ihm den Hut und den Krücken—
stock, und nachdem der Förster noch ein paar Worte zu der
alten Magd gesagt, dieser leise mitgeteilt, wo er zu finden
sei, im Falle Elsa während seiner Abwesenheit zurückkehren
würde, verließ er, von seiner Tochter unterstützt, den
Louisenhof.
Einen Pfad durch den Wald schlug der alte Mann ein,
den man wohl seit Jahren nicht begangen hatte, denn er
war verwildert und hoch mit Gras bewachen. Dümmler
schien ihn dennoch zu kennen und wenn auch langsam, doch
sicher verfolgte er ihn in den verschiedenen Windungen. In
diesen Teil des Waldes war Louise nie gekommen und das
Mädchen staunte immer mehr über das Thun des schweig—
samen Vaters. Nach einer Weile wurde es zwischen den
Bäumen licht und endlich traten Beide aus dem Walde, hin—
aus in das Freie in den hellen sonnigen Morgen.
Sie befanden sich am Anfang der langen Allee, welche
an den vielen palastartigen Gebäuden des Karlsbergs, dem
Schlosse selbst, entlang lief, um bei dem fernen Walde zu
enden. Ihnen zur Seite lagen die Kasernen., Magazine,
die Arkaden mit den Kaufläden, und überall waren Men—
schen, Soldaten, Husaren und Grenadiere, die geschäftig.
oder lustig hin und her gingen, oder an den Schaͤnktischen.
den Kaufläden saßen oder standen, tranken und feilschten.
Louisens Unruhe stieg. Hierher hatte sie der Vater nie
geführt, dagegen ihr und der Schwester stets verboten, sich
den Schloßgebäuden zu nähern, und bis jetzt hatte sie dies
Alles nur aus der Ferne, von irgend einer Anhöhe aus,
erschauen dürfen. Ihrer Unruhe und wohl auch Neugierde
nicht mehr Meister, fragte sie endlich den Vater, als dieser
langfam in die große Allee einbog und in der Richtung nach
dem Schlosse zu weiter schritt: