Full text : Der Karlsberg

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Die Marketenderin schluchzte jetzt wahrhaft herzbrechend
und vermochte kaum noch hinter der vorgehaltenen Hand,
welche ihre Thränen und auch ihre Scham verbergen sollte,
ein: „Er lügt, Durchlaucht!“ hervorzustammeln. Der Her—
zog wandte sich, kaum noch fähig, seinen Ernst zu bewahren,
zu seiner Umgebung:
„Ihr habt's gehört, Ihr Herren, nun richtet!“
So sprach er gemessen und die allgemeine Heiterkeit ver—
stummte für einige Augenblicke. Da erhob sich rasch der
Oberhof⸗ und Zeremonienmeister, welcher mit einer Ge—
wandtheit, die man der unbeholfenen Gestalt mit dem auf—
gedunsenen roten Gesicht kaum zugetraut haben würde, den
Augenbliclk erfaßt hatte und seinen Herren Kollegen zuvor—
kommen wollte. Einige Schritte vortretend und sich tief
vor dem Herzog verneigend, sprach er, den Arm weit vor—
gestreckt und mit einem Pathos, der Situation angemessen:
„Die Thränen der Unschuld sagen mehr als Worte!
sie verdammen den schnöden Verführer. Geruhen Durch—
laucht nur einen Blick auf das arme Opfer einer rohen
Soldateska zu werfen, und kein Zweifel wird in Hochdero
landesväterlicher Brust zurückbleiben, daß dem also ist. Sin—
temalen nun die hochfürstliche Armee von solchen schuld—
baren Ungeheueren reingehalten werden muß, wie ein solches
in riesiger Größe justement Dero hohen Blicken sich zeigt,
so glaube ich im Sinne aller hier nach Rang und Wuͤrden
versammelten Herren zu reden, wenn ich, um dem über—
führten Verbrecher nicht die Gelegenheit zur Reue und Buße
zu rauben, für Selbigen nicht den wohlverdienten Tod
durch Pulver und Blei, sondern zur Reinigung seiner
großen Sündenschuld, wie auch zu der seiner sehr ordonnanz—
widrig derangierten Uniform, einige Gänge Spießruten
submissest in aller Untertänigkeit zu beantragen erlaube,
jedoch nicht erteilt von Seinesgleichen, sondern von den
Händen seines schönen schuldlosen Opfers und deren nicht
minder schönen und unschuldigen Kolleginnen. Dixi!“
„Bravo, weiser Salomon, bravo!“ rief der Herzog
lachend, und „Bravo! Bravo!“ hallte es gleich lustig laut
in der Runde. Das Schluchzen der hübschen Marketenderin
war urplötzlich verstummt, und als ob ihr nicht das ge—
ringste Unangenehme begegnet, lachte die Lose hell auf mit
den Uebrigen. Auch ihre Kolleginnen, die sämtlich sich ein—
gefunden, stimmten lärmend in den allgemeinen Jubel mit
ein, und der Sieg schien gewonnen, das ersehnte Ziel er—
reicht: Herzog Karl hatte die seinem getreuen Hofstaat
wünschenswerte Heiterkeit wieder erlangt.
            
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