Full text : Im Mai 1888

Leise, daun stärker und mächtig herwehten die südlichen
Winde,
Drängend das Wolkengewirr zur mitternächtigen Tiefe.
Hin schmolz der Schnee, und es rauschten die Bäche
und sprangen die Quellen
Custig mit feuchtendem Naß enwor in den schlummern⸗
den Fluren.
Frühling, der herrliche, nahet. Mit bräutlichem Kusse
umpfängt er
Liebend die zitternde Erde. Und wunderbar zauberisch
webt sich
Ueber die Auen ein prangender Teppich von Blüthen
und Farben. —
Wie bist schön du jungfräuliche Erde, im ersten Er—
glühen!
Sei drum gegrüßt mir, o Mai, in des Frühlings hell
leuchtenden Cagen,
Strahlender Genius, Segen verbreitend, du Liebling
der Menschen!

2.

Herrlich fürwahr und Genuß ist der Gang in die
blühende Landschaft,
Wenn nach beschwerlicher Arbeit der Geist sucht sehnend
Erholung.
Müdigkeit bringen der Kampf und die tägliche Sorge
des Lebens.
Klein ist der Mensch, und die Mißgunst der Menge
verscheucht uns den Frieden.
            
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