Full text : Feierabend-Stunden

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Kluft zwischen uns bilden? Werde ich das können, ohne das
süße Geheimniß meines Herzens zu verrathen, ein Geheim—
niß, das nur ihm, dem Geliebten, seiner unglücklichen Mutter
und meinem trostlosen Herzen bekannt ist? Sie zitterte vor
diesem Augenblicke, und mächtiger als je fühlte sie das
Bedürfniß nach einem theilnehmenden Herzen, in welches sie
alles Leid ihrer edlen reinen Seele ausschütten könnte. Bis
zu diesem Augenblicke war es dem gemarterten Mädchen
gelungen, sich zu beherrschen und vor den lieben Verwandten,
die ihr so freundlich und offen entgegen kamen, unbefangen zu
erscheinen, aber — so frug sie sich — wie lange wird dies
noch möglich sein und wie soll das Alles hier enden?
Zum Glück waren die Personen, welche die kleine Gesell—
schaft bildeten, heute mehr oder weniger mit ernsten Gedanken
erfüllt. Herr von Drach, der Prediger und der Inspector waren
bald in so lebhaftes Gespräch verwickelt, daß sie kaum mehr
auf das achteten, was um sie her vorging, ebenso die Frau
Pastorin und Frau Siegfried. Flemming aber hatte nur
Augen und Ohr für Maria; in seiner Unterhaltung flogen
helle Geistesblitz, Witz und Humor nach allen Seiten hin
und wenn er so den blauen Tampf seiner Domingo-Cigarre
von sich blies und auflachte, da strahlte sein Auge so hell
und treu, daß es eine Lust war, in das schöne und junge
Antlitz des Mannes zu sehen, in dem man in diesem Augen—
blicke nichts weniger als einen Strafgefangenen herauszu—
finden vermochte. Nur dann und wann, wenn der Major
im Laufe des Gesprächs, das sich natürlicher Weise haupt—
sächlich um die politischen Tagesereignisse und die bevor—
stehende Abreise drehte, an den jungen Mann wandte,
da wurde dessen Blick ernst und spiegelte sich in dem—
selben eine Entschlossenheit, die mit dem sonst so heiteren
Sinn Flemmings im offenbarsten Widerstreit stand. So war
dies auch der Fall, als der Major die Frage an ihn richtete:
Wie lange er noch auf Schloß **zu residiren gezwungen sei?
„Bis zum dreißigsten des laufenden Monats“, erwiderte
Flemming, „und der gestrenge Nachfolger des Herrn Major
wird wohl keine Gewalt mehr über mich auszuuͤben haben.“
            
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