Full text : Feierabend-Stunden

—*

jedes seinen Betrachtungen nachhängend. Endlich brach der
Inspector das Schweigen:
„Nun, Frau“, — frug er — „was sagst denn Du zu
der so unverhofften Versetzung des Commandanten?“
„Ich bin überrascht davon und sie berührt mich schmerz—
lich“, entgegnete die Hausfrau ernst.
„Mich gleichfalls und Du sollst sehen, Mutterchen, auch
der alte Siegfried wird dem Commandanten bald nachfolgen.
Ich ahne nichts Gutes, doch wenn es zu arg wird, legt er
gern das Amt nieder, das nachgerade anfängt, für ihn eine
drückende Last zu werden.“

14
Es war ein freundlicher Sommertag. In dem Garten
des Majors v. Drach finden wir die kleine Gesellschaft, die
wir in dem vorigen Kapitel kennen gelernt haben, wieder.
Als willkommene Gäste waren der Prediger des in der Nähe
liegenden Ortes Hagen und seine Gattin, sowie auch Otto
Flemming hinzugekommen. Fräulein Maria war mit dem
Eingießen des Thees beschäftigt und Dorothea hatte es mit ihr
übernommen, sich in die Pflichten der Hausfrau zu theilen.
Für Letztere war es keine kleine Aufgabe, sich diesen gesell—
schaftlichen Pflichten in gewohnter Weise zu unterziehen, denn
ihr Geist beschäftigte sich unaufhörlich mit dem Geliebten,
dem sie hier so nahe und der durch die Mauern des Gefäng—
nisses von ihr getrennt war. Ohne bestimmten Plan, nur
von der Allgewalt der Liebe getrieben und der Sehnsucht,
den Mann zu sehen, der ihr ganzes Sein erfüllte, war fie
hierher gekommen; jetzt aber, am Ziele angelangt, bereute
sie den unüberlegten Schritt, denn sie zuͤterte vor dem
Augenblick des Wiedersehens und fing an, an der eigenen
Stärke zu zweifeln. Tausendmal legte sich Dorothea die Frage
vor; Werde ich stark genug sein, ihn von ferne als Gefangenen
zu sehen, ohne ihm Trost und Hoffnung zuzurufen und ihm
zu sagen, daß ich ihm nahe bin und ihn liebe und lieben
werde, obgleich des Kerkers Mauern eine unübersteigliche
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.