33
latein ein wohlgeneigtes Ohr leiht“, ergänzte Marie, rasch
sich erhebend und an das Klavier tretend, welches sich in
dem anstoßenden Zimmer befand. Nach einem kurzen Prä—
ludium sang sie, gleichsam als Antwort auf Flemmings
klagendes Lied die herrliche Erwartungs-Arie Agathens. Der
Sang und das Spiel im Gartensaal verstummte; auch der
Major und die übrige Gesellschaft lauschten schweigend dem
schönen Vortrag, als jedoch der letzte Ton verklungen war,
erhoben sich Dorothea und der alte Herr zugleich, um der
anmuthigen Sängerin ihre Huldigungen darzubringen.
„Habe Dank, herzlichen Dank. Maria! O, wie schön Du
ne 3 spielst!“ rief Dorothea, der Freundin die Hand
reichend.
Jetzt erst sah der Major Dorothea in ihrer ganzen Gestalt
und bewundernd ruhte sein Auge auf der stattlichen Erschei—
nung im Trauerkleide, die in dem von der Sonne erhellten
und von Blumen und Blattpflanzen geschmückten Zimmer
neben der heitern, licht und duftig gekleideten Maria wie
Minerva erschien. Nachdem er der Sängerin reichlich seine
Lobeserhebungen gespendet hatte, wandte der Major sich an
Dorothea:
„Ich möchte wetten, gnädiges Fräulein“, sprach er,
„daß auch Sie in dieser Sphäre der Kunst nicht fremd sind!
Habe ich Recht oder sollte ich mich täuschen?
„So ganz Unrecht haben Sie nicht, Herr v. Drach“,
erwiderte Dora bescheiden, „auch ich habe mich bestrebt, der
freundlichen Musika etwas von ihren Geheimnissen abzu—
lauschen — doch zur Vollendung wie Maria, habe ich es
bisher nicht gebracht.“
„So, so! Ach, ich ahne, daß Sie nur zu bescheiden sind“,
entgegnete der Major; „nun, wir werden ja bald Gelegen—
heit haben, wie ich hoffen darf, uns davon zu überzeugen.“
Hiermit empfahl er sich den Damen, drückte seinem Inspector
die Hand und schied in heiterster Laune mit den Worten:
„Also präcis um drei Uhr im Garten antreten.“ Die beiden
jungen Mädchen verschwanden gleichfalls kurz darauf, Sieg—
fried und seine Gattin aber blieben noch eine Weile allein,