Full text : Feierabend-Stunden

52

hegt, zur Tante Wilhelmine nach Hannover zu gehen. Ich
kann es dem Mädchen nicht verdenken, daß es sich aus diesen
finsteren Mauern sehnt!“
„Papperlapapp! Was soll es heißen, diese finstere Mauern?“
erwiderte Siegfried; „hat Marie es nicht gut hier, als ob
es unser eigenes Kind wäre? Was fehlt denn dem Wild—
fang auf *2 Ich hab's in meinem Leben nicht so gut
gehabt wie sie und bei der frommen Wilhelmine ...*
„Nun, laß es gut sein“, fiel Frau Siegfried ihrem Mann
in die Rede, „mag sie es für eine Zeit lang probiren; sie
ist alt genug, um über sich bestimmen zu koöͤnnen; ich bin
der Ansicht, daß die geträumte Herrlichkeit in Hannover so—
fort ihr Ende erreicht, wenn der Eindruck des Neuen ver—
wischt sein wird! Lassen wir deßhalb Maria ruhig ziehen,
sie wird bald wieder unser Burgverließ der Koöͤniglichen
Residenz vorziehen.“
„Ich glaub' das auch; — aber daß sie gerade jetzt
geht, das ärgert mich; jetzt, wo ich ein paar treuer Augen
mehr bedarf als je.“
„Wie so, Siegfried? Ich verstehe Dich nicht!“
„Das ist leicht zu begreifen, meine ich! Früher hatten
wir fast keine Gäste hier; von Zeit zu Zeit einen wider—
haarigen Subalternen, der es nicht begreifen wollte, daß auf
der Leiter der Beamtenhierarchie stets der nur Recht und
Macht hat, der auf den höheren Stufen steht und daß diese
Berechtigung oft nicht nach Arbeit, Verstand und Kenntnissen,
sondern nach dem Zufall der Geburt und nach den Eigen—
schaften bemessen wird, welche sich die jungen Herren auf
den Universitätskneipen und dem Fechtboden errungen haben.
.Ja, ja, so ist es“, bekräftigte Siegfried, als er sah,
wie seine Frau lächelnd mit dem Kopfe schüttelte, „waren
vielleicht der Salzfactor und der Regierungs-Actuar etwas
anderes als Leute, die von sich zu hoch und von den über
ihnen Stehenden zu niedrig dachten? Wen sonst denn von
Bedeutung als solche Leute hatten wir hier zu beher—
bergen .. den Lotterie-Einnehmer und den Stempelfiscal,
die sich um so und so viel Tausend Thaler verzählt haben
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.