Full text : Feierabend-Stunden

—J

„So nenne mir endlich doch den Mann, der das bisher
so stolze Herz Dorotheas von Müldner so leichter Mühe
zu erobern verstand“, entgegnete der Rath, indem ein höhnen—
des Lächeln seine zuckenden Lippen umspielte.
„Es ist Friedrich Bartholdy, Dein Lebensretter!“ war
die Antwort Doras; „ihm habe ich ....“
Weiter konnte sie nicht sprechen. Der Polizeirath schlug
wie in Verzweiflung die Hände über dem Kopf zusammen
und mit dem Ausruf: „Bartholdy, der Hochverräther!“ fiel
er in die Kissen des Sophas zurück. „Ist es eine Fügung
des Geschickes, oder ist es blinder Zufall, ich weiß es nicht
— aber schmählicher hätte sich die Demagogie an mir, ihrem
geschworenen Widersacher, nicht rächen können, als daß sie
mir mein Kind, mein einziges Kind geraubt und in den
Kreis ihrer vergifteten Sphäre gezogen hat!“ Er erhob sich
von seinem Sitze und mit raschen Schritten durchmaß er das
Zimmer.
Dorothea kannte die Gewohnheiten ihres Vaters. In
solchen Momenten war es stets das beste, ihn ruhig gewähren
zu lassen. Leise verließ das aufgeregte Mädchen das Ge—
mach — ein schwerer Stein war ihr vom Herzen gefallen
— hatte sie doch — wenn auch spät — die Pflicht erfüllt,
ihrem Vater die Liebe einzugestehen, deren sonniger Strahl
sie bisher nur im Geheimen beglückt und — mit Sorge
und Kummer erfüllt hatte.
Der Rathhatte sich von der ihm gewordenen Ueber—
raschung nicht so schnell erholt, wie bei sonstigen außer—
ordentlichen Gemüthsbewegungen. Erst am kommenden
Morgen war er wieder ruhig genug, sich von Dora genau
erzählen zu lassen, wie sich nach und nach ihre Liebe zu
Friedrich entwickelte und wie am Abend, wo er ihrem Vater
das Leben rettete, das offenbar in Gefahr stand, sie sich ihre
Liebe gestanden und sich ewige Treue geschworen hatten.
Schweigend, aber immer gespannter lauschte der Rath
den Erzählungen seiner Tochter und als sich endlich Dora
weinend an die Brust des Vaters warf, da war das Eis
gebrochen, in dem sein Herz zu erstarren schien. Der eigenen
            
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