Xaber
weißt Du es ja. Vater“, bat sie inniger, als der
Polizeirath noch immer finster vor sich hin blickte, „Vater,
Du hast ja immer nur das Glück und den Frieden Deines
Kindes gewollt — wirst Du es in diesem entscheidenden
Augenblick verlassen?“
Der Polizeirath entwand sich der Umarmung seiner
Tochter; streng, fast zornig sprach er dumpf mehr für sich
selbst als zu seinem Kinde gewandt:
„Was soll ich Alles wissen? Eins nur ist mir zur Ge—
wißheit geworden: daß mein einziges Kind, mein Alles auf
dieser Welt, kein Vertrauen zu seinem Vater und hinter
dessen Rücken Liebesaffairen getrieben hat ... Das ist alles
was ich weiß und — auch genug“, fügte er bitter hinzu ...
„Vater! Vater!“ flehte schluchzend Dorothea.
„Soll ich mich wohl noch darüber frenen, wenn Du
einem Menschen, der hinterlistig ohne mein Wissen sich um
Deine Liebe bewarb, den Vorzug vor einem Manne gibst,
der offen und ehrlich Stand und Rang und ein liebevolles
Herz Dir zu Füßen legen will!. .. Sage mir nun auch, wem
ich diesen Affront zu verdanken habe? Oder hält meine
geheimnißvolle Tochter auch hierfür die Zeit für noch nicht
gekommen? Wie!?“
Dorothea fühlte die ganze Bedeutung dieses Augenblickes.
Wenn bisher die jungfraͤuliche Schüchternheit sie abgehalten
hatte, ihrem Vater das mitzutheilen, was sich seit seiner
Flucht zwischen ihr und Friedrich Bartholdy so unverhofft
vollzogen, so war es jetzt hingegen der Stolz einer ersten
und reinen Liebe, welcher das edle Mädchen aufmunterte,
für den Mann ihrer Wahl und Liebe offen aufzutreten.
„Den Jüngling, dem mein Herz gehört und nur allein
angehören wird, kann und darf ich nennen; es haftet kein
Makel an ihm und auch Du, mein Vater, hast ihn ehren
und werthschätzen gelerut“, erwiderte Dora ruhig; „wenn
es in seiner Macht gestanden haben würde, glaube mir es,
Vater, auch er wuͤrde vor Dich hingetreten fein und offen
um das Herz geworben haben, das ihm schon lange, ohne
daß er es ahnte, liebend entgegenschlug . ..“