Full text : Feierabend-Stunden

Formen der Höflichkeit bisher stets zu wahren verstand: ein
geistreicher Mann, der ....
„Der nicht eher es wagen wollte, seiner angebeteten
Herzenskönigin seine Liebe zu offenbaren, bis er nach braver
deutscher Weise mit deren Vater gesprochen hatte; so gestand
er mir und ich meinerseits fand mich durch seine Eröffnung
ebenso geehrt als erfreut.“ Eine peinliche Pause trat jetzt
ein, bis Dorothea frug:
„Und was hat mein Vater dem Werber geantwortet?“
Erwartungsvoll hing ihr Auge an den Lippen des Vaters,
mächtiger hob sich ihr Busen und das leise Beben des
Stuhles, den ihre Hand noch immer krampfhaft umfaßt hielt,
zeigte deutlich, was in diesem entscheidenden Augenblick in
dem Herzen der Jungfrau vorging. Ruhig und ernst ent—
gegnete der Rath:
„Daß ich es als eine Ehre für mich und als ein Glück
für mein Kind ansehen müßte, wenn es an der Hand eines
liebenden Mannes eine gesicherte Zukunft und den Schutz fürs
Leben finden könnte, wenn ich ihm denselben nicht mehr wie bisher
gewähren kann. Deine Zustimmung, Deine Liebe zu erwerben
aber sei seine, des Herrn Forsters Sache!“ Der Rath
schwieg; mit sichtbarer Spannung sah er sein Kind an. Es
FXR erste Mal, daß er mit Dora von ihrer Zukunft
prach.
„Habe Dank, mein guter Vater!“ sprach Dora zu ihm
herantretend und einen Kuß auf die Stirne drückend, „ich
wußte es, daß Du nicht anders handeln würdest . .. auch
ich achte den Herrn Gerichtsrath sehr hoch, aber zwischen der
Grenze von Achtung und Liebe liegt ein weites Feld, ein
Land, ein Weg, an dessen Ziel das Glück für das ganze
Leben liegt und das nur erreicht werden kann, wenn beide
Herzen darnach hinstreben .. ..“
Der Polizeirath schien seine Tochter nicht zu verstehen;
gespannt sah er ihr in das Antlitz, ehe er gedehnt frug:
„Wie meinst Du das, Dora?“
Ich meine, daß Herr Forster nicht mit der Hand zu—
frieden sein wird, wo er ein Herz verlangt und verlangen
            
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