Full text : Feierabend-Stunden

*U.

weiß außer ihnen nur Gott allein. Als gefaßter die Mutter
zu ihren Kindern wieder hereinkam, traten diese ihr entgegen,
Hand in Hand beugten die Liebenden sich kniend vor ihr
und segnend legte sie ihre Hände auf die Häupter derjenigen,
welche die Allmacht der ewigen Liebe ihr von allen Theuren
im Leben geschenkt und gelassen hatte.

VI.

Rath von Müldner war nach seiner Errettung und Flucht
in die fürstliche Residenz geeilt, von wo aus er gedachte,
mit den Truppen und verstärkter Sicherheitsmannschaft wieder
auf den früheren Schauplatz seiner amtlichen Thätigkeit zurück—
zukehren. Der Mensch denkt, Gott lenkt! sagt das alte
Sprüchwort, dessen Wahrheit sich jetzt auch in Bezug auf
die Absichten des Rathes erfüllen sollte. Einige Tage nach
seiner Ankunft wurde er von einem Unwohlsein befallen,
welches man anfänglich als ein schnell vorübergehendes be—
trachtete, das jedoch bald einen Charakter annahm, der auf
eine tieferliegende Krankheit hindeutete. In erster Reihe
wurde der Rath von einer allgemeinen Körperschwäche heim—
gesucht, so daß er geuöthigt war, vorläufig einen längeren
Urlaub nachzusuchen und bald auch ernstlich daran dachte,
um seine Entlassung aus dem Staatsdienst einzukommen.
Dora eilte auf die erste Kunde von dem Zustande ihres
Vaters in die Residenz und hoffte, daß es ihrer sorgsamen
Pflege bald gelingen werde, dessen Gesundheit wieder herbei—
zuführen. Und in der That es schien auch so. Der Rath
konnte das Krankenbett verlassen, Besuche empfangen und
wer ihn früher nicht gekannt hatte, hielt ihn sicher nicht für
einen kranken Mann. Nur Dorothea täuschte sich nicht über
den Zustand ihres geliebten Vaters; mit Besorgniß ruhte
oft ihr Auge auf ihm und selbst die Versicherungen des
Arztes vermochten nicht sie davon zu überzeugen, daß sein
Zustand nur eine Folge der übergroßen Anstrengung und
erlebten Schrecken bei Gelegenheit des jüngsten Äufflandes
sei. Der Rath selbst hielt seiner Tochter gegenüber die
            
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