202
5. August (Tag vor der Schlacht).
Wie an den zwei vorhergegangnen Tagen
So ist's auch heut', doch lungert in den Gassen
Der Feind vorsichtig nur in größern Massen,
Vereinzelt scheint's ihm nicht mehr zu behagen!
Und sieh! Die Zelten werden abgeschlagen
Dort auf den Höh'n! Will er uns wohl verlassen?
Vielleicht auch gar uns in der Ebne fassen?
Doch wer konnt' Antwort geben solchen Fragen!
Vom „Winterberg“ hört man Musik erklingen,
Commandoruf, Signal und Trommelschlag,
Und dann ein dreifach Hoch! dem Kaiser bringen;
Hierauf zog Alles fort, was oben lag,
Und Manche wagten auf die Höh'n zu gehen
Um das verlass'ne Lager anzusehen
5. August, Nachts.
Kein Schuß fällt mehr; des Friedens heil'ge Stille
Der schönen Sommernacht thront überall;
Rings ist verstummt des Tages reger Schwall,
Sanft rauscht die Saar und leise zirpt die Grille.
O wär' es doch des guten Gottes Wille,
„Daß uns nicht droht ein neuer Ueberfall!—
So beten bei der Abendglocken Schall
Wohl Viele heute aus des Herzens Fülle
Zum ersten Mal nach lang entbehrter Ruh
Schließt leichter sich das müde Auge zu;
Nun sind vorbei vielleicht die schweren Tage!
So hofft' das Herz; doch in des Schicksals Hand
Ruht noch Dein Loos, mein dentsches Vaterland,
Und auf und ab schwankt der Entscheidung Waage.